Grisailles 1-100 - für 3 Klaviere

Werktitel
Grisailles 1-100
Untertitel
für 3 Klaviere
KomponistIn
Entstehungsjahr
1991 - 1993
Dauer
48m
Genre(s)
Neue Musik
Gattung(en)
Ensemblemusik
Besetzung
Trio
Besetzungsdetails
Art der Publikation
Verlag
Stilbeschreibung:

Heiligenkreuz heißt jenes Zisterzienser-Kloster südlich von Wien, in dessen Kreuzgang sich Verglasungen aus dem frühen 13. Jahrhundert erhalten haben. Die romanischen Kreuzgangverglasungen entsprechen den Vorgaben des sogenannten "zisterziensischen Bilderverbots", das doch eigentlich ein Abbildungsverbot war: Die Fensterscheiben vertrauen auf die Wirkung verschiedener Grautöne, auch schwarze und gelblich-beige Töne sind darunter, und jede der Bogenverglasungen offenbart ein anderes, je eigenes geometrisch-ornamentales Muster. Zur Bezeichnung mittelalterlicher Glasfenster diesen Typs verwendet man den Begriff Grisaille.
[...] Peter Ablinger kennt und schätzt die romanischen Grisaille-Scheiben in Heiligenkreuz südlich von Wien seit langem. Ihre Verweislosigkeit, die auf eine Transzendenz nicht via Repräsentation durch Darstellung und Stellvertretung, sondern durch Präsenz abzielt, korrespondiert mit der ästhetischen Haltung von Peter Ablinger. Sein jahrelanges Forschen an und hinter den Grenzen traditioneller Vorstellungen davon, was Musik, Kunst und Kunstmusik ausmache, brachte ihn oft in ein paradoxes Verhältnis zu dem, was gemeinhin als Übereinkunft gilt. Redundanz erweist sich dann nicht als Feindin von Information, sondern als ihre Ermöglicherin, das Ornament nicht als Randfigur, sondern als das Zentrale in der Kunst der Darstellung des Undarstellbaren. Die Grisaille-Kunst wurde für Peter Ablinger deshalb zu Beginn der 90er Jahre zur Titelgeberin dieser Komposition für drei Klaviere. Daß Grisaille-Fenster schattenloses Licht werfen würden, war für die mittelalterliche Theologie von Bedeutung. Während die häufigeren, bunten, figürlichen Darstellungen Farbmuster und klare Schatten am Kirchenboden hinterließen und Gott priesen in der Vielfalt von Geschichten, Symbolen und Verweisen, entwarfen die grauschattierten, ornamentalen und keine klaren Schatten werfenden Fenster ein etwas subtileres, oder besser sublimeres Gottesbild, eines des letztlich Unerklärlichen, des nicht Abbildbaren. Was immer in dieses Licht getaucht erschien, hinterließ keine Spuren mehr auf dieser Erde. Das ist sublim. "Das Licht spielt in Schaffung und Beschaffenheit der Welt die Hauptrolle", postulierte ein mittelalterlicher Theoretiker, um fortzufahren: "Raum und Zeit sind nur Funktionen des Lichts". Man kann Peter Ablingers Komposition Grisailles auch so hören: Der pulsierende Stillstand als sich verändernde Lichtfärbung, als langsame Veränderung (des Lichts ergo von Raum und Zeit) über 50 Minuten hin. Grisailles 1-100 für drei Klaviere besteht aus mehreren Ebenen von einander überlagerten Klangschichten. Wiederholte Oktaven und kleine, kaum hörbare Geräusche von über die Tasten huschenden Fingern scheinen zwei dieser Ebenen zu sein. Vierundzwanzig Schichten komponierte Peter Ablinger vorerst, jede ihrer eigenen Zeit und Struktur folgend, bevor diese Ebenen in einem Particell kombiniert wurden. Aus diesem in seiner schieren Menge von drei Pianisten unspielbaren Vorwurf gewann Peter Ablinger das Stück: Sein Blick, der selektionierend über die flimmernde Fülle von geschriebenen Noten gleitet, wie über die graugestuften Fensterscheiben, wählt aus, was in den Blick gerät und was auch instrumentaltechnisch spielbar ist. Für Peter Ablinger ist diese arbeitstechnische Analogie des Blicks auf Notenblätter wie auf Glasfenster mehr als bloß eine vage Metapher: So wie während des Streifens des Blicks über die Glasscheiben die Gewißheit, daß alles irgendwie im Blick ist, mit der Tatsache im Verhältnis steht, daß man den Blick tatsächlich immer nur auf eine kleine Stelle fokussieren kann, steht das real aufführbare Stück im Verhältnis zum utopisch skizzierten Particell. Das Pragmatische der Aufführbarkeit korrespondiert mit der Tatsache, daß jeder Einzelne auch immer nur aus einer einzigen Perspektive auf die Glasscheiben schauen kann, daß - umgekehrt - dieses reale Alles des einen Blicks nur fruchtbar ist, weil ein potentielles Alles, etwas Utopisches spürbar



Uraufführung:
30. April 1994 Linz

Empfohlene Zitierweise
mica (Aktualisierungsdatum: 1. 3. 2020): Ablinger Peter . Grisailles 1-100 - für 3 Klaviere. In: Musikdatenbank von mica – music austria. Online abrufbar unter: https://db.musicaustria.at/node/100830 (Abrufdatum: 18. 6. 2021).