Orlando

Werktitel
Orlando
Untertitel
Musiktheater
KomponistIn
Beteiligte Personen (Text)
Filloux Catherine ; Neuwirth Olga
Entstehungsjahr
2017–2019
Dauer
~ 3h
Genre(s)
Neue Musik
Gattung(en)
Oper/Musiktheater
Besetzung
Solostimme(n)
Chor
Kinderchor
Orchester
Elektronik
Zuspielung
Besetzungsdetails

Orchestercode: 2 S, 3 Ms, 1 Ct, 3 Bar, 3 B, 3 Schsp – 3 Chr – 2/2/3/2 - Altsax - 3/3/2/1 - Schl.3 - 12/12/8/6/4 - Elekt.

Solo: Sopran (2), Mezzosopran (3), Countertenor (1), Bariton (3), Bass (3), SprecherInnen (3)

Chor (3), Flöte (2), Oboe (2), Klarinette (3), Fagott (2), Altsaxophon (1), Horn (3), Trompete (3), Posaune (2), Tuba (1), Schlagzeug (3), Violine (24), Viola (8), Violoncello (6), Kontrabass (4), Elektronik (1), Video (1)

ad Chor: u.a. Kinderchor

Bühnenmusik: vier Musiker

Rollen
Orlando (Mezzosopran), Erzähler(in) (Sprechrolle), Schutzengel (Countertenor), Königin/Purity/Freund von Orlandos Kind, Shelmerdine/Greene, Priester, Orlandos Kind, Sasha/Chastity, Modesty, Dryden, Addison, Herzog, Doktor 1, Doktor 2, Doktor 3, Orlandos Freundin, Lehrer, Russischer Segler, Diener, Bootskapitän, Kindervater, Offiziant, Verlobte

Art der Publikation
Verlag
Titel der Veröffentlichung
Orlando

Auftrag: Wiener Staatsoper

Uraufführung
08.12.2019 - Wien, Wiener Staatsoper
Mitwirkende: Kate Lindsey (Orlando), Anna Clementi (Narrator), Eric Jurenas (Guardian, Angel), Constance Hauman (Queen/Purity/Friend of Orlando's child), Agneta Eichenholz (Sasha/Chastity), Leigh Melrose (Shelmerdine/Greene), Justin Vivian Bond (Orlando's child), Chor und Orchester der Wiener Staatsoper, Matthias Pintscher (Dirigent)

Sendung
Österreichischer Rundfunk (ORF) – Ö1: Live-Übertragung der Uraufführung aus der Wiener Staatsoper

Handlung

Im Jahr 1598 wird der junge englische Adelige auf eine militärische Karriere vorbereitet. Sein Schutzengel beobachtet ihn aus der Ferne. Orlando entdeckt die Poesie.
Fast kommt er zu spät zum Auftritt von Königin Elisabeth I. Er nähert sich schüchtern, bemerkt aber bald die Diskrepanz von Macht und Hinfälligkeit, während die Königin von seiner Jugend begeistert ist. Sie beschenkt ihn mit Orden und Gütern, ehe sie stirbt.
Im GREAT FROST des Jahres 1610 wird auf der zugefrorenen Themse gefeiert und Orlando, wiewohl verlobt, verliebt sich heftig in die attraktive Sasha. Diese amüsiert sich aber lieber mit einem russischen Seemann. Sie entschwindet, und es taut. Orlando ist tief verletzt.
Orlando hat sich auf sein Gut in die Einsamkeit zurückgezogen. Er fällt in einen todesähnlichen Schlaf, aus dem ihn obskure ärztliche Kunst nicht wecken kann. Als er wieder erwacht, beschließt er, Dichter zu sein, sein Werk soll „The Oak tree“ heißen. Es verlangt ihn dann doch wieder nach Gesellschaft – doch der Dichterkollege Greene ist eitel und nicht an Orlandos Dichtung interessiert, sondern an dessen Geld. Enttäuscht in Leben und Kunst will Orlando England den Rücken kehren und lässt sich als Botschafter in ein fernes Land versetzen.
Es herrscht Krieg und Grausamkeit, und Orlando fällt erneut in Schlaf.
Die Damen Reinheit, Bescheidenheit und Keuschheit besuchen den Schlafenden, werden aber vom Chorgesang und Blechblasklängen vertrieben.
Orlando erwacht als Frau!
Beseelt vom Wunsch zu dichten, muss sie bald feststellen, dass ihr als Frau mühsame Zeiten bevorstehen. Sie wird nur als Körper wahrgenommen – der Seemann fällt fast zu Tode, weil er einen Blick auf ihren Knöchel erhascht, obwohl – wie die Erzählerin betont – sich nur ihr Körper verändert hat, in allen Aspekten sei sie derselbe Mensch geblieben.
Nach England zurückgekehrt, serviert sie ihren Dichterkollegen Pope, Addison, Dryden und Duke Tee. Sie nehmen ihren Zucker, aber keine Notiz von ihrem Werk. Als sie Dukes Heiratsantrag ablehnt, droht er ihr mit dem Verlust ihres Hauses und prophezeit ihr böse ein Ende als Hure im Elend.
Sie erlebt die bedrückende gesellschaftliche Atmosphäre des viktorianischen Zeitalters; hinter einer scheinheiligen bürgerlichen Fassade macht es die Hilflosigkeit der Abhängigen den Mächtigen leicht, sich in jeder Hinsicht zu bedienen. Frauen, und Kinder zuallererst, waren die Opfer: Der Kindesmißbrauch erreichte zu dieser Zeit die höchsten Zahlen. Hoffnung drückt der Putto aus.
PAUSE
Erster Weltkrieg. Orlando bricht sich auf der Flucht in unwegsamem Gelände den Knöchel, wird aber von dem Kriegsfotografen Shelmerdine in Sicherheit gebracht. Er kennt ihr Werk „The Oak tree“ und bittet sie, sie zu heiraten und Mutter seines Kindes zu werden.
Während Orlando und Shelmerdine heiraten, nimmt das Kriegselend kein Ende. Sie erlebt wie Millionen Juden ermordet werden, und Shelmerdine als Kriegsberichterstatter von immer und immer neuen Kriegsgebieten Zeugnis ablegt.
Die Generation der 1968er Jahre, darunter Orlando, will mit den Lebenslügen brechen. Orlando schreibt immer mehr.
Orlando hat in den wilden 1980er Jahre eine Freundin und der Computer hält Einzug. Von einem Herren wird Orlando hochmütig darauf hingewiesen, dass sie die Reinheit der Literatur verderbe, sie solle es aufgeben zu schreiben und heiraten. Auch Greene hat die Jahrhunderte überstanden und ist nun erfolgreicher Verleger. Auch er sagt ihr, welche Literatur sie zu schreiben habe, um erfolgreich zu sein: Sie müsse vereinfachen, sonst könne er nichts von ihr veröffentlichen. Obwohl ihr sogar ihr Haus weggenommen wurde (wie Duke prophezeit hat), lässt sie sich nicht manipulieren und hält sich lieber an die Maximen von Virginia Woolf: „Words hate making money …“. Shelmerdine kommt im Irak-Krieg um, Orlando trauert.
Supermarktkassierinnen kassieren, ohne viel von dem Geld zu haben, dass durch ihre Finger geht. Orlandos gender non-binary Kind ist überzeugt, dass es einen Weg aus der Misere gibt, man muss den Mut haben, zu sein, wer man ist, und sich nicht verbiegen. Diese Möglichkeit hat Orlando ihrem Kind eröffnet.
Mittlerweile hat aber bereits eine andere Bewegung Fuß gefasst: „Wir! Wir! Wir zuerst!“ wird geschrien. Orlando will mit ihrem Schreiben dagegen halten.
Die „entwurzelten Kinder“ bangen um ihre Zukunft, während für Orlando sich Zeiten und Erlebnisse in ihrer Erinnerung abgesetzt haben, um nicht zu vergessen. Die Erzählerin plädiert dafür, dass Unterschiede nicht zählen, Humanität allein ist, was verpflichtend ist.
Orlando wird weiterschreiben, denn: „Niemand hat das Recht, zu gehorchen.“ Der Putto ist überzeugt, dass wir zu unserer Freiheit finden, die Chöre rufen uns dazu auf, wach zu bleiben. Das letzte Wort hat die Erzählerin, die das Spiel ironisch beendet.

Libretto

Libretto Catherine Filloux und Olga Neuwirth und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf (1928).

Beschreibung

Olga Neuwirths Musiktheater öffnet eine Tür ins Reich der Gleichzeitigkeit von Erleb­tem, Erlesenem, Gehörtem, Wissen und Gefühl. Ins Reich der Fiktion also, aus Erinnerungen gebaut.
„Von Kindheit an hat mich einfach alles interessiert, Kunst, Politik, Wissenschaft, die Psychologie der Menschen. Von der wunderbaren Vielfalt des Lebens, den kleinen und großen Dingen in der Welt lasse ich mich gleichermaßen inspirieren. Das spiegelt Orlando wider: Denn die Essenz dieser fiktiven Biografie ist die Liebe zum Seltsamen, Paradoxen, zur Groteske, zur Kunstfertigkeit, Überhöhung und Übertreibung, um eine neue Morphologie der Erzählung zu schaffen. Auch geht es immer wieder um eine kultivierte, höchst raffinierte Form von sexueller Anziehung und gegen das Einzwängen in die Laufrichtung eines einzigen Geschlechts. Und darum, sich nicht bevor­munden und herablassend behandeln zu lassen, was Frauen immer wieder geschieht und geschehen wird.“

Pressestimmen (Auswahl)

8. Dezember 2019
"Orlando – das ist ganz großes Kino, aber eben nicht im Lichtspieltheater, sondern auf der Staatsopernbühne, wo man hinter vorgehaltener Hand munkelt, dass hier in dem Haus am Ring noch nie so ein gigantischer Aufwand betrieben worden sei. "Normalerweise haben wir drei Inspizienten, um einen ungestörten Probenablauf zu garantieren", sagt ein Bühnenarbeiter im Vorbeigehen: "Jetzt machen das fünf.""
Zeit.de: Olga Neuwirth: Immer in Unruhe (Thomas Mießgang), abgerufen am 18.4.2020 [https://www.zeit.de/2019/51/olga-neuwirth-orlando-wiener-staatsoper-komponistin]

9. Dezember 2019
"ÜPPIGE STOFFMASSEN
Jedes Schülertheater spielt dieses planlose Aufstellen und Abtreten mühelos an die Wand. Den oratorienhaften Eindruck verstärkt, dass der Chor auf Ipads von Noten absingt. Wenn Orlando mit seiner oder - je nachdem - seinem Geliebten redet, schauen beide prinzipiell ins Publikum, statt miteinander zu interagieren. Sehenswert sind allein die phantastischen, opulenten Kostüme, die das Nobel-Modelabel Comme des Garçons entworfen hat. Leider drohen die Figuren hinter den üppigen Stoffmassen zu verschwinden.
ÜBERWÄLTIGENDE KLANGFANTASIE
In Gang gehalten wird die Handlung durch eine Erzählerin, der exzellent sprechenden Anna Clementi. Gut, ein epischer Bilderbogen könnte das immerhin sein, eine Art feministisches Geschichtspanorama. Wirklich großartig ist die Musik von Olga Neuwirth. Schier überwältigend ist ihre Klangfantasie. Das Orchester gurgelt und sirrt, die Klänge rotieren und gleiten, die historischen Zeiten schieben sich ineinander: Da werden Renaissance-Madrigale von Glissando-Strudeln überspült, verstimmte Cembalos liegen über Kreuz mit aparten Geräuschwerkzeugen von der Autobremse bis zum Donnerblech.
BR Klassik: KRITIK - "ORLANDO" AN DER WIENER STAATSOPER GNADENLOS GUT GEMEINT (Bernhard Neuhoff), abgerufen am 18.4.2020 [https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/olga-neuwirth-orlando-urauffuehrung-wiener-staatsoper-100.html]

10. Dezember 2019
"Eine linear durchkonstruierte, sich kontinuierlich entwickelnde Musik verbietet sich angesichts der Zeitsprünge Orlandos ohnehin. Stattdessen setzt Neuwirth auf das Sprunghafte, Überraschende und bedient sich historischer Materialien: Fragmente aus barocken Madrigalen und Chorälen werden anfänglich zitiert, volksmusikalische Weisen blitzen auf, Kinder stimmen das Kirchenlied „Danke“ an, bis schließlich am Ende Anklänge an die heutige Rockmusik und Elektronik buchstäblich laut werden, denn sie werden auf der Bühne von einer verstärkten Band mit dem Drummer Lucas Niggli gespielt. Und doch gibt es in all dieser Buntheit ein verbindendes Element: den Orchestersatz, mit dem nicht nur die historischen Allusionen, sondern auch die gesprochenen Passagen der – wie einst der griechische Chor – neutral kommentierenden Erzählerin (Anna Clementi) unterlegt werden."
FAZ.net: NEUWIRTHS „ORLANDO“ IN WIEN: Großes Finale mit Greta (REINHARD KAGER), abgerufen am 18.4.2020 [https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/urauffuehrung-der-oper-orlando-von-olga-neuwirth-in-wien-16527175.html]

11. Dezember 2019
"Olga Neuwirth – das kennt man von früheren Werken – will verzerren, will, dass Klänge verschwimmen, verschmieren und an Eindeutigkeit verlieren. Die Übermalung ist ihr kompositorisches Prinzip, die provokative Klangschichtung und letztlich: die Überschreibung von Musikgeschichte. In Orlando hat sie das zum Thema gemacht. Freilich nicht im plump usurpatorischen oder eklektizistischen Sinn, von wegen, was Komponisten können, können Komponistinnen auch (oder schon längst), sondern mehr in der Art einer Bewusstwerdung durch Unkenntlichmachung. Nur was ähnlich und fremd zugleich klingt, sagt Neuwirths Musik, kitzelt das Ohr."
Zeit.de: "Orlando": Transgender durch die Jahrhunderte (Christine Lemke-Matwey), abgerufen am 18.4.2020 [https://www.zeit.de/2019/52/orlando-olga-neuwirth-komponistin-oper-wien]

12. Dezember 2019
"Neuwirth ist musikalisch zu klug, um ein bloßes Gender-Agitationsstück zu schreiben, aber ihre Art der ungestümen Zurückhaltung, das bloße füllhornmäßige Aufzeigen führt aufs Ganze gesehen dazu, dass diese/r Orlando in eine beobachtende und geradezu duldende Rolle gerät oder wie es die Hauptdarstellerin Kate Lindsey treffend ausgedrückt hat, in eine Art von passiver Präsenz, inmitten dieses überbordenden Getümmels aus Klängen, Kleidern, Katastrophen und komponiertem Kalkül."
WDR: 12.12.2019 – Olga Neuwirth, "Orlando" an der Wiener Staatsoper, abgerufen am 18.4.2020 [https://www1.wdr.de/radio/wdr3/musik/opernblog/neuwirth-orlando-wien-100.html]

13. Dezember 2019
"Fluidität ist ein Topos, der sich durch das gesamte Werk zieht. Orlando ist ein Gesamtkunstwerk, das in seiner Konzeption die Gattung Oper sprengt. Olga Neuwirth schafft in ihrer Musik fluide Klangformen, „androgyne Klänge“, die – wie Geschlechtsidentitäten – nicht starr sind, sondern zwischen den Extremen changieren. Jeder Klang ist wandelbar, die Musik ist in ständiger Bewegung, kaum greifbar und doch verständlich.
Langsam einschleichende Streicher lassen die Musik zu einer glühenden Klangwolke heranwachsen, bis sie plötzlich im Nichts verschwindet. Der Zuhörer wird von Klängen regelrecht umschlungen, wenn sich die Musiker durch den gesamten Saal bewegen und Samples aus allen Richtungen eingespielt werden.
Klassik begeistert: Olga Neuwirths "Orlando" ist eine emanzipatorische Oper, die die Gattung aus den Fugen hebt (Julia Lenart), abgerufen am 18.4.2020 [https://klassik-begeistert.de/olga-neuwirth-orlando-wiener-staatsoper-11-dezember-2019/]

Literatur
2019 WIENER STAATSOPER: URAUFFÜHRUNG VON OLGA NEUWIRTHS “ORLANDO” AM 8. DEZEMBER 2019. In: mica-Musikmagazin

Quellen
Website Staatsoper Wien
Website Ricordi Verlag

Empfohlene Zitierweise
mica (Aktualisierungsdatum: 30. 12. 2020): Neuwirth Olga . Orlando. In: Musikdatenbank von mica – music austria. Online abrufbar unter: https://db.musicaustria.at/node/200170 (Abrufdatum: 22. 1. 2021).