Streichquartett Nr. 3 "attacca"

Werktitel
Streichquartett Nr. 3 "attacca"
Untertitel
Für Streichquartett
KomponistIn
Entstehungsjahr
2019
Dauer
~ 20m
Genre(s)
Neue Musik
Gattung(en)
Ensemblemusik
Besetzung
Quartett
Besetzungsdetails

Violine (2), Viola (1), Violoncello (1)

Art der Publikation
Verlag

Sikorski Musikverlage Hamburg

Abschnitte/Sätze
1. RITORNELLO: UNISONO. Vivo spirituoso, attacca: TRANSIZIONI. Adagio teneramente
2. RITORNELLO: A QUATTRO VOCI. Sfuggevole, attacca: PERPETUUM MOBILE. Feroce
3. RITORNELLO: DUETTI. Calmo, attacca: ARIOSO. Con affetto, attacca:
4. RITORNELLO: CANON. Flessibile, sempre cantabile, attacca: FINALE. Pochissimo meno mosso, con groove

Auftrag: Wiener Musikverein

Uraufführung (geplant)
26.03.2020 - Wien, Musikverein - Gläserner Saal
Mitwirkende: Aris Quartett
Weitere Informationen: Diese geplante Uraufführung wurde aufgrund des COVID-19 Lockdowns abgesagt.

Uraufführung
17.09.2020 - Basel, Paul Sacher Stiftung
Mitwirkende: Aris Quartett

Beschreibung

Mein Kompositionsprozess beginnt damit, die MusikerInnen zu hören und persönlich zu treffen, um sich aufeinander einzuschwingen und gemeinsame Vorlieben, Abneigungen usw. auszuloten. Aber auch das Beobachten der unterschiedlichen Charaktere und ihre Interaktion (gerade bei einem Streichquartett!) ist wichtig für das Finden eines kompositorischen Zugangs.
Ich versuche, ein neues Stück „maßzuschneidern“, sodass sich die InterpretInnen darin wohlfühlen können, es großzügig fällt, nirgendwo unnötig zwickt, weder zu kurz noch zu lang ist: die besonderen individuellen Vorzüge der MusikerInnen sollen zur Geltung kommen. Wenn sich die MusikerInnen in meiner Komposition ein Stück weit selbst wiedererkennen und sich damit identifizieren können (vielleicht nicht auf Anhieb), ist meine Arbeit gelungen.

Es gab den Wunsch von Seiten des Auftraggebers – der Gesellschaft der Musikfreunde Wien – auf mehrfache Weise Beethoven-Bezüge herzustellen. Aus diesem Grund kreiste das Gespräch mit dem Aris-Quartett immer wieder um Beethoven bzw. um Besonderheiten seiner Musik, die auch in meinem Stück eine Rolle spielen sollten.
Während unseres Kennenlernens im April 2019 habe ich mir etliche Notizen gemacht, die sowohl unmittelbaren als auch mittelbaren Eingang in meine Komposition gefunden haben. Ich möchte einige dieser Notizen (meist „Wünsche“ der MusikerInnen) kursiviert anführen und erläutern, wie ich darauf kompositorisch reagiert habe.

zupackender Beginn / gemeinsamer Impuls / Sog entsteht, wenn alle gleich schwingen
Mein 3. Streichquartett beginnt mit einer fertigen Gestalt: Tempo, Rhythmik und Melos sind von Anfang an etabliert, in einer Unisono-Textur beginnen die beiden „mittleren“ Streicher sehr leise, nach und nach kommen Violine 1 und Cello kommen dazu und spielen zu viert eine Unisono-Tonlinie, die sich scheinbar wiederholt, dabei aber immer „weiterrutscht“: Die Tonabfolge bleibt weitestgehend gleich, verdichtet sich aber rhythmisch und füllt ihre Leerstellen zunehmend auf. Die Linie wird lauter, exaltierter, spaltet sich im Tonraum auf, bleibt dabei aber stets innerhalb einer „selbstähnlichen“ rhythmischen Kontur. Die meisten Konstellationen und Motive, die in diesem etwa 1-minütigen Ritornell durch Abtasten“ der melodischen Linie spielerisch gefunden werden, tauchen im weiteren
Verlauf der Komposition mit motivischer Konsistenz wieder auf.

kurzweilig gestalten / Ohr soll etwas zu verfolgen haben
Die Großform meines 3. Streichquartetts besteht aus 4 Sätzen, die jeweils durch ein RITORNELLO eingeleitet werden. Ist dieses am Anfang des 1. Satzes noch besonders deutlich verfolgbar (RITORNELLO: UNISONO), wird seine Struktur bei jedem Auftreten komplexer. Als Einleitung zum zweiten Satz (RITORNELLO: A QUATTRO VOCI) ist das Unisono aufgebrochen zu Vierstimmigkeit, weitgehend in einheitlicher Rhythmik. Der dritte Satz beginnt mit einem RITORNELLO: DUETTI, in starker zeitlicher Dehnung ist die ursprüngliche Linie nun aufgeteilt auf sich verändernde Paar-Konstellationen, die nach Art verzerrter Echos ineinander verzahnt sind. Im vierten Satz schließlich ist im RITORNELLO: CANON die melodische Linie in charakteristische, stark rhythmisch definierte Motive aufgelöst, die gestaffelt durch alle vier Instrumente mit sich selbst überlagert werden, sodass ein regelrechter Kanon entsteht.
Die unterschiedlichen Tempi, Texturen und Atmosphären der vier RITORNELLI weisen voraus auf den jeweils folgenden „Haupt-Satz“, in dem einige ihrer Modelle aufgegriffen und weiterentwickelt werden, andere hingegen verworfen bzw. so drastisch verändert werden, dass ihre ursprüngliche Herkunft nur noch subkutan wirksam ist. Die Hauptsätze knüpfen ohne Unterbrechung an ihre RITORNELLI an, was auf Italienisch als attacca bezeichnet wird – daher der Untertitel meines Quartetts.

mehrere Texturen gleichzeitig / wechselnde Kombinationen / frei werden
Der Hauptteil des ersten Satzes hat den Titel TRANSIZIONI und spielt die wechselnden Konstellationen, in denen die vier Instrumente zueinander stehen können, frei und unsystematisch durch (Beginn: Bratsche führt über ein- und ausschwingenden Liegetönen des Trios, dann übernimmt die Violine 2 mit sich verändernder Textur, die Gegenlinie der Violine 1 wird verändert von der Bratsche übernommen, dann auch fragmentiert vom Cello. Es folgt einige Takte später eine dominierende Kaskade der Violine 1 über homogenem Begleit-Trio, die Violine 2 übernimmt, die Textur schwappt über auch auf Bratsche und Cello usw.). Besonders durch die wörtliche Wiederholung der ersten fünf Strukturfelder ergibt sich eine Formbildung, die analog zur Sonatenhauptsatzform zunächst unterschiedliches Material exponiert und in einem zweiten Teil neu konfiguriert. Anstelle einer Reprise aber folgt der zweite Satz mit seiner „neuen Version“ des Ritornells.

rhythmische Konsistenz beibehalten / Spielfluss
Im Hauptteil des zweiten Satzes zitiere ich den bizarren Beginn des 2. Satzes aus Beethovens Streichquartett op. 59/1: eine charakteristisch rhythmisierte Tonwiederholung im Cello, aus der sich alles Folgende in Art eines PERPETUUM MOBILE ableitet, ohne dabei die durchlaufend gehetzte Motorik des 3/8-Taktes (mitzahlreichen Verschiebungen) jemals zu verlieren.

größte emotionale Tiefe entsteht durch Schlichtheit / tiefe Geigen!
Der Hauptteil des dritten Satzes trägt den Titel ARIOSO und verwendet als Matrix die Struktur des zweiten Satzes aus Beethovens op. 18/1. Die regelmäßigen Achtel-Repetitionen des Vorbild-Werks sind in meinem Stück in ein abwechselnd drei- und zweiwertiges Tonwiederholungs-Modell abgewandelt, wodurch meine Takte „eiern“. Auf diese unregelmäßige Pulsations-Schicht kann eine ganz schlichte Melodie aufsetzen, die sich in mehreren Etappen aufspannt, aber immer wieder in tiefe Lage gezogen wird, wo sie kompakt von allen vier Streichern mit Vehemenz artikuliert wird, bevor sich ein neuer melodischer Bogen zu spannen beginnt.

Musik kommt vom Tanz / durchlaufender Puls / etwas Witziges an unerwarteter Stelle
Der letzte Satz etabliert verschiedene Ostinati, die zu einer sehr lebendigen, motorischen Textur zusammengefügt werden. Nach einem Zwischenteil, der in Violinen und Bratsche mittels kontinuierlich steigender und fallender Glissando-Linien den Gesang einer singenden Säge nachahmt, tauchen zunehmend Relikte der bereits erklungenen Sätze auf, allerdings in unvorhersehbar vertauschter Reihenfolge: eine Art „verzerrte Reprise“. Nachdem auch einige Ritornell-Fetzen ein letztes Mal aufflackern, eröffnet sich eine unvermittelt neuartige Musik: wie eine Tür hin zu einem ganz neuen, noch unbetretenen Raum.
Gerald Resch (2019), Einführungstext

Pressestimmen

19. Oktober 2020
"Zudem bot das Quartett eine Uraufführung von Gerald Reschs „attacca“. Doch was erfährt man über den Wiener Komponisten? 

Er ist 1975 geboren und Beethoven-Fan, in sein viersätziges “attacca für Streichquartett” habe er mehrfach Beethoven-Motive eingebaut. Dabei war dem Aris-Quartett die Ehre widerfahren, in der Komposition mitreden zu dürfen. Wie ein zögerndes Abtasten intonierten die vier Künstler die refrainartige Wiederkehr eines fremdartigen Themas. Erst im zweiten Satz wird es richtig lebendig: Die schnellen Abläufe eines gespenstisch-leisen perpetuum mobile erfüllten den Raum, von der Viola und dem Cello mit dem Springbogen aus der Tiefe exakt bewegt.

Nachhaltiger Eindruck

Nachhaltigsten Eindruck hinterließ der langsame Satz mit seinen träumerischen Liegetönen, auf- und absteigenden Glissando-Bewegungen, während Vibrato-Pizzicati eigene Akzente setzten. Der durch die verminderte Zuhörerzahl hervorgerufene Hall-Effekt in der Alten Kirche wandelte die zauberhaften Akkorde zu dort selten gehörten Echo-Wirkungen, die mit den herben Dissonanzen versöhnten. Ohne Pause, wenn die Komposition in den folgenden Satz “attacca” übergehen soll, erreichte man den wiederum sehr flotten kanonartigen Satz."
Baden online: Aris-Quartett Beethoven und seine jungen Erben beim Konzert in Fautenbach (Albrecht Zimmermann), abgerufen am 4.12.2020 [https://www.bo.de/kultur/beethoven-und-seine-jungen-erben#]

 

Empfohlene Zitierweise
mica (Aktualisierungsdatum: 4. 12. 2020): Resch Gerald . Streichquartett Nr. 3 "attacca". In: Musikdatenbank von mica – music austria. Online abrufbar unter: https://db.musicaustria.at/node/200479 (Abrufdatum: 5. 12. 2020).