Liberda Bruno

Vorname
Bruno
Nachname
Liberda
erfasst als
KomponistIn
Genre
Neue Musik
Subgenre
Experimental/Intermedia
Geburtsjahr
1953
Ausbildung
1969 - 1977 Wien MHS Wien: Tonsatz, Komposition - Diplom mit Auszeichnung Violoncello Haubenstock-Ramati Roman
1971 Mödling Matura
1973 - 1975 Elektroakustik Kaufmann Dieter
1977 IPEM Gent: Institut für Psychoakustik und Elektronische Musik
Universität Wien Wien Studium der Philosophie und der Musikwissenschaft

Stilbeschreibung

Durch Infotainment, TV-Krimi, Werbespots und Videoclips ist einerseits die Geschwindigkeit und Klarheit einer Story auf maximalen "Speed" gebracht, andererseits die Mischung und Vermengung aller Stilzitate perfektioniert und zugleich endgültig ad absurdum geführt worden. Sex and Crime, Natur- und Wissenschaftsdokumentation werden uns mit immer perfekteren Großaufnahmen, schnelleren Verfolgungsjagden, größeren Explosionen, raffinierteren Überraschungen in der "Erzählung" während des Abendessens (eine Parallele zur Oper) vorgesetzt. Die "Suspense" wird nur vom Genie des Werbespots unterbrochen, das weiß, wie wenig Zeit bleibt, Sehnsüchte und Gefühle zu wecken, von fernen Ländern und verlockenden Früchten (jeder Art) zu erzählen. In buchstäblich zwei Atemzügen wird eine komplette 30"-Oper kreiert. Sicher kann eine Schauspiel- oder Opernbühne - und ich denke dabei nur an die "Einheit" des Ortes - nie mit der Rasanz eines Filmschnittes [vor - rück (Zeit), seitwärts (Ort), groß - klein (Bildausschnitt) - blendend] erzählen und auch nicht mit hundert Bühnenzügen, drei Neben-, Unter- und Hinterbühnen und tausend Scheinwerfern die visuelle Üppigkeit einer virtuellen (daher unendlich komplex gestaltbaren) Videoclipumgebung inszenieren. Die Verzauberung Jedoch gibt uns Mörikes Novelle "Mozart auf der Reise nach Prag", in der viel Stille und magisch angehaltene Zeit herrscht, die Möglichkeit, eine "andere" Virtuosität zu entwickeln und einen komplementären Standpunkt einzunehmen. Im Zusammenhang mit der Bühne zeigt uns das Tristan-Motiv in großer Meisterschaft, wie die Kunstform "Musik" eine Form der Zeit ist: Diesselbe Musik existiert gleichzeitig, punktförmig (als Akkord) und als Sukzession (aufgelöst in lineare [Melodie] Motive), erscheint flüchtig oder behäbig, laut - leise, grell - gedämpft etc.
Die Potenz der Musik, Zeit aus den verschiedensten Aspekten mit variantenreichen Methoden betrachten zu können, und das auch oft noch gleichzeitig, versetzt uns in einen geheimnisvollen, "übergeordneten" Zustand. Dieses Zeit-Spiel reflektiert sich bei Tristan auch in der Erzählform der Geschichte (oder: beide bedingen einander wechselseitig): Die "Happenings" der Erzählung treten an den äußeren Rand (d. h. jeweiligen Aktschluß) und werden nur als Vorwand benutzt, die Imagination einer inneren Situation zu manifestieren - Requisiten und Aktionen werden als Vorwand für die psychische Innenwelt eingesetzt. [...] Zellpathologie Inzwischen schreiben wir 1996 und haben technologisch raffiniertere Methoden, mit Tonort, Ton-Zeit, Klangfarbe und vielen anderen Parametern zu spielen. Der neu geprägte Begriff "World music" wird sich nicht in der fälschlichen Betrachtung exotischer Folklore erschöpfen. Wie eine Vorbereitung auf einen gemeinsamen Stil wird uns die Zeit des Zitierens im Postmodernismus erscheinen: Gleich einem Netzwerk stehen alle auf der Welt vorhandenen rhythmischen, harmonischen, melodischen und sonstigen, für europäische Ohren begrifflich noch nicht (oder nicht mehr) festzuschreibenden Argumente zur Verfügung und es gibt sicher keinen - fälschlicherweise - proklamierten "Vorrang der deutschen Musik". "Wir müssen lernen, mit der Pluralität der Zeiten, der Räume, mit Vielheiten, mit Unterschieden zu leben." (Luigi Nono) (Wann werden wir endgültig von unserem europäischen Sockel stürzen und begreifen, daß z. B. ein indischer Tabla-Spieler eine viel komplexere und längere Ausbildung durchläuft als ein hiesig akademisch gebildeter Percussionist und von "Naturmusik", die unserer "Kunstmusik" überlegen sein soll, keine Rede sein kann. Vielleicht haben die Kollegen einfach eine bessere Ausbildung und machen deshalb die interessantere Musik ...)

 

Bruno Liberda, in: "Memory modules oder Oper nach der Postmoderne", 1996

Empfohlene Zitierweise
mica (Aktualisierungsdatum: 23. 2. 2020): Biografie Bruno Liberda. In: Musikdatenbank von mica – music austria. Online abrufbar unter: https://db.musicaustria.at/node/59064 (Abrufdatum: 10. 8. 2020).