Deppe Renald

Vorname
Renald
Nachname
Deppe
erfasst als
KomponistIn
InterpretIn
Künstlerische/r LeiterIn
AusbildnerIn
DirigentIn
Genre
Neue Musik
Jazz/Improvisierte Musik
Klassik
Instrument(e)
Klarinette
Saxophon
Klavier
Computer
Geburtsjahr
1955
Geburtsort
Bochum
Geburtsland
Deutschland

Renald Deppe ©

"Renald Deppe studierte an der Folkwang-Hochschule in Essen Klarinette, Klavier und Komposition und erhielt seine weitere musikalische Ausbildung in Berlin und an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien. Als Saxophonist und Klarinettist Mitwirkung bei führenden Ensembles für klassische, zeitgenössische und improvisierte Musik. Gründer und künstlerischer Leiter zahlreicher Festivals und Kulturinitiativen. Parallel zu seiner Tätigkeit als Veranstalter, Kurator und Konzeptionist von Musikprojekten abseits eines die Hörgewohnheiten bedienenden Mainstreams hat sich Deppe auch als Komponist durch zahlreiche Auftragswerke einen Namen gemacht. Arbeitsschwerpunkte seines kompositorischen Schaffens sind Kammermusik, Musiktheater, Graphische Notationsarbeiten, Interdisziplinäre Projektgestaltungen, Installationen und Klang-Graphein.

Mit seinem 1992 gegründeten Ensemble "Capella con Durezza", das in variabler Besetzung zeitgenössische Künstler aus den unterschiedlichsten Domänen zusammenführt, erarbeitet Deppe gezielt themenorientierte Programme (Kurt Weill, Charles Mingus, Bert Brecht, Duke Ellington, Zweite Wiener Schule, Bundeshymne, der Deutsche Schlager, Hugo Wolf etc.), bei denen neben Jazz-Versatzstücken Prinzipien der Neuen Musik und deren Improvisationstechniken auch Multimedia-Techniken (Film, Literatur, Performance) zum Einsatz kommen. Renald Deppe bezeichnet dies selbst augenzwinkernd als "Kulturspektakelkonfigurationsmusik - die Anordnung und wechselseitige Beziehung verschiedener Einzelerlebnisse in einem zusammenhängenden Sachverhalt".

Über seine zweite Formation, die Wachauer Pestbläser, bei der bisher Gerd Jonke, Christoph Cech u.a. mitwirkten, äußert Deppe auf seiner Homepage: "Die Wachauer Pestbläser verstehen sich als gemeinnützige Notgemeinschaft mit beschränkter Bodenhaftung, gegründet zur wohlfeilen Ergötzung des Gemütes". Als Musiker (Saxophon, Klarinette) trat er bei zahlreichen internationalen Festivals (Saalfelden, Berlin, Moskau, Krakau, Budapest, Rom, St. Petersburg u.v.a.) auf, seine graphischen Notationen wurden bereits mehrfach in Galerien ausgestellt."
Renald Deppe: Biografie (eigener Text auf Renald Deppes Homepage - mittlerweile nicht mehr abrufbar), Stand: 17.12.2021

Stilbeschreibung

Graphische Notationen machen einen wesentlichen Teil von Renald Deppes musikalischem Wirken aus. Er stellt diesen Teil seines Werkes unter den Titel "Stör- & Nebengeräuschkalligraphie" - diese Bezeichnung umfasst seine Arbeit an den Schnittstellen von Komposition-Konzeption-Improvistation. Interessante Beispiele seiner Arbeit finden sich bspw. unter hinterland galerie und galerie splitter art.
Verena Platzer (2022)

"Wie kaum ein anderer hat Renald Deppe in den letzten zwanzig Jahren das Wiener Musikleben abseits der großen Bühnen geprägt: als Musiker, Veranstalter und als sozialer Plastiker [...]. Den postmodernen Trick, jedweden Zweifel mit Ironie oder Zynismus billig aus dem Weg zu räumen, hat Renald Deppe nicht drauf. Sonst würde er keine so ausgewogenen Sätze sagen wie: "Ich habe mich nie darum bemüht, in der Welt der Hochkultur vorzukommen, und ich bin für diese Welt wohl auch gar nicht interessant." [...] "Ich finde die Idee der sozialen Plastik in der Musik sehr wichtig. Jede abstrakte ästhetische Reaktion hat für mich auch konkrete soziale Bezüge zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Das Zueinanderführen von Menschen ist wie das Zueinanderführen von künstlerischen Elementen: Es führt zu etwas Neuem. Das ist auch Komponieren, nicht nur das Schreiben mit zwölf Noten." Einen Beuys-Hut hat Deppe nicht auf. Aber ohne seine Künstlerweste geht er nicht aus dem Haus [...]."
Falter: "Qualität des Scheiterns (Carsten Fastner, 2005), abgerufen am 17.12.2021 [https://www.falter.at/zeitung/20050823/qualitaet-des-scheiterns]

Auszeichnungen

2005 festival 21, Wien: Artist in Residence
2006 musik aktuell - Neue Musik in Niederösterreich, Tulln: Artist in Residence
2006 Stadt Wien: Großer Preis für Musik
2011 Exploration of Color, Seoul (Südkorea): Artist in Residence
2015 Druskininkai Artists' Residence – DAR (Litauen): Artist in Residence
2015 Republik Österreich: Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste
2017 GCC – Gyonggi Creation Center, Ansan (Südkorea): Artist in Residence

Ausbildung

Folkwang Hochschule, Essen (Deutschland): Klarinette, Klavier, Komposition
mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: weitere Studien

Tätigkeiten

1988–1997 Kulturspektakel der Stadtinitiative Wien: Initiator, künstlerischer Leiter; gemeinsam mit Margarethe Herbert
1991–1998 ÖBV - Grabenfest - Österreichische Beamtenversicherung, Wien: Initiator, künstlerischer Leiter; gemeinsam mit Johann Hauf
1994–1998 Porgy & Bess, Wien: Gründer, künstlerischer Leiter; gemeinsam mit Christoph Huber, Mathias Rüegg, Gabriele Mazic
1997–1998 Festspielhaus St. Pölten: musikalischer Leiter
1998–heute mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: Dozent (Kulturmanagement, Komposition)
1998–heute Anton Bruckner Privatuniversität Linz: Dozent (Kompositionstechniken)
1999–heute Kunstzeitschrift "kursiv", Linz: Mitherausgeber
2001–2003 Festival 4020 - mehr als Musik, Linz: Initiator, künstlerischer Leiter; gemeinsam mit Peter Leisch
2003 Kulturhauptstadt Graz: künstlerische Projektarbeit
2005–heute regelmäßige Aufenthalte/Kooperationen/Arbeitsschwerpunkte im Nahen & Mittleren Osten
2007 Jahresstipendium für Musik - Amt der Salzburger Landesregierung: Jurymitglied
2009 Linz 2009 - Kulturhauptstadt Europas: künstlerische Projektarbeit
2011–heute Aufführungsreihe "Lost & Found" - Strenge Kammer/Porgy & Bess, Wien: Kurator
2012–2013 Projekt "Die große Landkarte" - Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur: Workshopleiter, Dozent
2012–2013 Österreichische Musikwochen in Bulgarien: Kurator
2013–heute Aufführungsreihe "Public Domain" - Porgy & Bess, Wien: Kurator
2022 Lese- & Vortragsreihe "Verortung & Perspektive" - Institut zur Verbesserung der Lage, Mals im Vinschgau (Italien): Kurator

Mitglied in Ensemble/Band/Orchester
1992–heute Capella Con Durezza, Wien: Gründer, Klarinettist, künstlerischer Leiter - wechselnde Besetzungen
2002–heute Wachauer Pestbläser: Gründer, Klarinettist, künstlerischer Leiter; gemeinsam mit Judith Ferstl (db), Michael Bruckner (git), Martin Ptak (pos)

als Saxophonist/Klarinettist Mitwirkung bei führenden Ensembles für klassische, zeitgenössische und improvisierte Musik (bspw. Klangforum Wien, Ensemble Wien)
Zusammenarbeit u.a. mit Gert Jonke, Doron Rabinovici, Elfriede Gerstl, Bodo Hell, Evelyn Schlag, Andreas Okopenko, Friederike Mayröcker, Götz Bury, K.U.SCH., Peter Assmann, Linde Waber, Wolfgang Mitterer, Ernst Friedrich, Markus Kupferblum, Ernst Jandl, H.C. Artmann, Ernst Kovacic, Christoph Cech, Martin Siewert, Christian Muthspiel

Aufträge (Auswahl)

1990 für das ÖBV - Grabenfest - Österreichische Beamtenversicherung, Wien: Jimbo
2004 Brucknerhaus Linz: Troparion
2005 zur Neueröffnung der Philharmonie "Grande-Duchesse Joséphine-Charlotte" - Philharmonie Luxembourg (Luxemburg): Tempus Fugit
2006 Amt der Niederösterreichischen Landesregierung: Der Tod wird nach Pfeffer und Majoran riechen ... - Karwochenlaudanum
2006 Wiener Mozartjahr Organisationsges.m.b.H.: abgefahren!
2011 Festival der Regionen: lost & found
2013 zur Neueröffnung - Theater am Hundsturm, Wien: Der Hundsturm zu Babel
2014 Donaueschinger Musiktage (Deutschland): Abwandlungen des Gleichen
2014 Glatt & Verkehrt, Krems: 13 1/3 märsche den sieg zu verfehlen.
2014 Österreichische Musikwochen in Bulgarien, Sofia (Bulgarien): lunaire revisited - pain- & brainstream-music
2016 Musica Sacra - Internationale Kirchenmusiktage, St. Pölten: artfremd_fremdArt : eigenArt_arteigen
2016 Carinthischer Sommer: Carinthische Wassermusik
2016 anlässlich eines pakistanisch-österreichischen Kulturaustauschs - Amt der Niederösterreichischen Landesregierung: makroPHONIA II
2016 Musikprotokoll im Steirischen Herbst, Graz: protokoll
2018 Festival Imago Dei, Krems: my favorite nightmare
2020 Kulturregion Stuttgart, Festival "Unter Beobachtung" (Deutschland): Unter Teck Über Deck

Aufführungen (Auswahl)

1988 Künstlertheaterfestival, Frankfurt am Main (Deutschland): Albolina (UA)
1992 Festival der Künste, Bad Gleichenberg: Faden der Ariadne (UA)
1993 ÖBV - Grabenfest, Wien: Interpolation (UA)
1995 Theater Winkelwiese, Zürich (Schweiz): Hört - Hört! (UA)
2000 Rauriser Literaturtage: Mohr im Hemd (UA)
2000 Oberösterreichische Kulturvermerke: Nell Breve Arco Del Mio Tempo (UA)
2000 Rupert Bergmann (spr), Pierrot Lunaire Ensemble Wien, Musikverein Wien: TrioRio II (UA)
2002 Johanna Wölfl (s), Martina Tomcic (ms), Andreas Lebeda (bar), Bernhard Landauer (a), Elfriede Irrall (spr), Olaf Scheuring (spr), Capella Con Durezza, Renald Deppe (dir) - Donaufestival Krems: Ria nackt: eine Racheoper (UA)
2002
Steirischer Herbst, Deutschlandsberg: Dimitroff (UA)
2003 Koproduktion mit dem Salzburger Landestheater - Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas, Schauspielhaus Graz: Tracht, Pflicht (UA)
2004 festival 4020, Brucknerhaus Linz: Troparion (UA)
2006 Anne Bennent (spr),
Trio Inflagranti - Rauriser Literaturtage, Schauspielhaus Salzburg: Donna Juana (UA)
2011 Eröffnungskonzert - Festival der Regionen, Attnang Puchheim: lost & found (UA)
2013 Wachauer Pestbläser: Ritter, Räuber, Rutschpartien (UA)
2014 Capella Con DurezzaRenald Deppe (dir) - Theater am Hundsturm, Wien: San Ignacio : Eine Dschungeloper (UA)
2014 Capella Con DurezzaRenald Deppe (dir) - Donaueschinger Musiktage (Deutschland): Abwandlungen des Gleichen (UA)
2014 Capella Con DurezzaRenald Deppe (dir), Sofia (Bulgarien): lunaire revisited - pain- & brainstream-music (UA)
2014 Renald Deppe (sax, cl), Wolfgang Mitterer (elec), Pannonisches Blasorchester, Peter Forcher (dir) - Glatt & Verkehrt, Krems: 13 1/3 märsche den sieg zu verfehlen. (UA)
2015 Vilnius (Litauen): gregorian vamps for lithuanian swamps (UA)
2016 Kompanie Vonnunan, Capella Con DurezzaRenald Deppe (dir) - Musica Sacra - Internationale Kirchenmusiktage, Dom zu St. Pölten: artfremd_fremdArt : eigenArt_arteigen (UA)
2016 Eröffnungskonzert - Carinthischer Sommer, Villach: Carinthische Wassermusik (UA)
2016 Renald Deppe (sax), Manuel Mayr (db), Hassan Zanjirani Farahani (elec) - Musikprotokoll im Steirischen Herbst, Helmut List Halle Graz: one bubble muggle meets double trouble (UA)
2016 Festival Imago Dei, Klangraum Krems Minoritenkirche: makroPHONIA II (UA)
2018 Festival Imago Dei, Klangraum Krems Minoritenkirche: my favorite nightmare (UA)
2020 Kulturregion Stuttgart, Festival "Unter Beobachtung", Kirchheimer Rathausturm (Deutschland): Unter Teck Über Deck (UA)

Pressestimmen

01. Oktober 2020
"Seit fast 500 Jahren gibt es die Turmbläser von Kirchheim unter Teck: [...] Während sich auf dem Platz Zuhörerinnen und Zuhörer sammeln, schmettern die Musiker der Stadtkapelle ihr Lied in alle vier Himmelsrichtungen. Nach alter Tradition lassen die Musiker den zum Zeitpunkt des Kirchenjahres passenden Choral erklingen. Der Wahl-Wiener, Musiker und Komponist Renald Deppe knüpfte an diese Tradition an und brach sie gleichzeitig auf. Mit seinem Stück »Unter Teck Über Deck. Erbauliche Turmmusicke für mindestens 4 Himmel- & Bimmelrichtungen« hat er für das Bläserquartett ein ungewöhnliches Stück geschrieben. Eine moderne Komposition, die so gar nichts mit dem bekannten Choral gemein hat. Und doch ist sie maßgeschneidert nicht nur für die vier Musiker, sondern auch für den eigentlichen Protagonisten der Konzerte: den Turm selbst. Als Hommage an den Turm schuf Deppe ein Gesamtkunstwerk. Seiner Partitur liegt eine komplexe Zeichnung zugrunde, die während der Laufzeit des Festivals in den Vitrinen der Galerie im Kornhaus ausgestellt war. Deppe lud mit seinem experimentellen Stück für die Bläsergruppe Bürgerinnen und Bürger, Besucherinnen und Besucher ein, ihre Ohren auf neue Klänge einzustimmen – ohne dabei die alte Tradition zu vergessen [...]."
Kulturregion Stuttgart: Renald Deppe - »Unter Teck Über Deck. Erbauliche Turmmusicke für mindestens 4 Himmel- & Bimmelrichtungen«, abgerufen am 17.12.2021 [https://www.kulturregion-stuttgart.de/was/unter-beobachtung/kirchheim-u…]

07. Oktober 2016
"Kann etwas "grooven", auch wenn es keinen erkennbaren "beat" hat? Wenn es von Renald Deppe stammt, kann es [...]. Seine Musik klingt immer cool. Woran liegt das? Wieso empfinde ich das so? Vielleicht liegt es an Deppes großer Liebe zur improvisierten Musik, und dort in der großen Jazz­Tradition seiner Instrumente, vor allem des Saxophons. Renald Deppes Spiel hat für mich immer etwas Jazziges, auch wenn das jeweilige Werk aufs Erste nichts mit Jazz zu tun zu haben scheint. Sein Ansatz – wörtlich und im übertragenem Sinne – ist eindeutig nicht-­klassisch, zumindest nicht im Sinne des Klassik­-Mainstream. Aber ohnehin scheint er nichts mehr zu vermeiden als ausgetretene Pfade. Wo immer seiner Meinung nach bereits genug getan bzw. musiziert wurde, fühlt er keine Notwendigkeit, auch noch seine eigenen Spuren zu hinterlassen. Die Eigenschaft der Flüchtigkeit seines Metiers, dass also – allen Partituren dieser Welt zum Trotz – ein Ton nur solange existiert, als er gespielt wird, dürfte auch in Deppes Lebensweg eine Hauptrolle spielen. Beständigkeit ist nur dann wichtig, wenn sie die Veränderung in sich trägt. Von Dauer kann nur etwas sein, wenn es von wechselnden Kräften getragen wird. So gesehen ist Renald Deppe kein Fackelträger, sondern ein Staffel-­Läufer der Neuen Musik, und zwar meistens der Erste. Er ist ein Initiator, ein Ermöglicher, und wenn er einmal etwas auf den Weg gebracht hat, dann lässt er es frei [...]. Renald Deppe ist mit Sicherheit ein ungeheuer talentierter Mensch. Er macht Musik, er schreibt Musik, er zeichnet Musik (in wunderschönen Kalligraphien), er besitzt eine beneidenswerte Formulierungskunst und hinreißenden Sprachwitz. Dass er all das ganz offensichtlich nie zum eigenen (schon gar nicht finanziellen) Vorteil verwendet hat und wohl auch nie tun wird, macht mich ein wenig traurig. Doch dann greift er zum Saxofon und spielt ein paar Töne von freudiger Musizierlust, lässt der hochintellektuelle, gebildete, belesene Renald Deppe im Spiel das frohe Chaos spürbar werden, ohne das es in der Kunst nun einmal nicht geht. Konzentriert man Renald Deppes Namen auf vier Buchstaben, entsteht die Re_De. Rede weiter, Renald!"
Musikprotokoll im Steirischen Herbst: one bubble muggle meets double trouble (Albert Hosp, 2016), abgerufen am 17.12.2021 [https://musikprotokoll.orf.at/2016/werk/one-bubble-muggle-meets-double-…]

23. August 2005
"[...] Renald Deppe hat es geschafft, wie Renald Deppe zu klingen: ziemlich wild und laut, hochenergetisch und virtuos, anspielungsreich und manchmal sogar witzig. Wenn er Bestehendes bearbeitet, seien es amerikanische Standards oder russische Schmonzetten, nimmt er dieses "Bearbeiten" ziemlich wörtlich und geht gründlich zur Sache, rückt Klischees zurecht, verschiebt gewohnte Perspektiven - und belässt dem Ganzen doch so viel Musikalität, dass auch weniger versierten Hörern noch genug zu staunen bleibt. Wenn er frei spielt, nimmt er gern das Mundstück seines Instrumentes ab, und dann wird es schnell richtig wüst. Der Witz an Deppes Kunst aber ist, dass sie nicht nur klingt. Genau genommen müsste man sein ganzes Arbeitsleben als Kunstwerk bezeichnen. [...] Wenn Renald Deppe sich als "Ermöglicher" bezeichnet, trifft das durchaus den Kern seiner Arbeit. Und auch sein Anspruch, "abstrakten ästhetischen Reaktionen konkrete soziale Bezüge zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft" zu verleihen, ist alles andere als eine Floskel. Der Mann ist sehr belesen, in der russischen Gegenwartsliteratur ist er ebenso firm wie in der Geschichte der nationalsozialistischen Kulturpolitik oder der Entwicklung des Bürgertums im 19. Jahrhundert. Durch beziehungsreiche Programmzusammenstellungen und in Begleittexten belädt er seine Musik mit diesem Wissen – so sehr, dass manchem Hörer bisweilen das musikalische Geschehen aus dem Zentrum des Interesses rücken mag. Seine Musik notiert Deppe nicht im traditionellen Notensystem, sondern grafisch, und auch auf diesen dicht ausgearbeiteten, fein ziselierten Blättern finden sich immer wieder literarische oder musikalische Anspielungen, Referenzen, Gedanken. Ihre Umsetzung in Klang vergleicht Deppe mit derjenigen barocker Notationen, in denen mit Haupt- und Bassstimme nur das Nötigste festgehalten ist; die Ausarbeitung von Begleitstimmen und Verzierungen ist Sache der Interpreten, was für entsprechende Spontaneität und Lebendigkeit in der Wiedergabe sorgt. Er selbst wolle mit seinen grafischen Partituren "das Ohr durch das Auge verführen" und beschränke sich dabei zumeist auf eine Fixierung der musikalischen Geste. "Aber die Vielfalt der grafischen Notation reicht letztlich genauso weit wie die der traditionellen Notation, von den mittelalterlichen Neumen über den barocken Generalbass bis zum komplexen Notenbild heutiger Komponisten. Manche meiner Grafiken sind bis ins letzte Detail ausformuliert und können für diese Art von Musik sogar viel genauer sein als die fünf Notenlinien." [...]."
Falter: "Qualität des Scheiterns (Carsten Fastner, 2005), abgerufen am 17.12.2021 [https://www.falter.at/zeitung/20050823/qualitaet-des-scheiterns]

20. Juni 2004
"[...] Es war einer dieser grenzüberschreitenden Events. Wiener Konzerthaus, Mozartsaal. E-Musik und Jazz. Fast alle spielten sie brav ihre Parts. Ein bißchen zu brav vielleicht. Nur einer nützte die Chance. Blies Unerhörtes. Auf die Gefahr hin aufzufallen. Möglicherweise sogar negativ bei den Groove- und Ohrenschmaus Suchenden. Dynamische Bocksprünge, respektloses Blöken, kratziges Wispern. Selbstbewußt – dreckiger Sound sprengte plötzlich das allgemeine Bemühen. Virtuoses Heulen am Altsaxophon. Präzise getimter Ausbruch. Der Jazz lebt! Auch als exotische Pflanze im europäischen Klanggarten ... Kunst ohne Snob-Appeal. Komplexität, die nicht ausgrenzt. Strenge, die nicht verletzt. Härte, die sich gegen niemanden wendet. Capella con Durezza. Oder: Offenheit ohne Populismus. Zugänglichkeit ohne Anbiederung. Publikumsnähe ohne Massenverwertungszwang. Professionalität ohne Perfektionierungswahn ... Niemand sonst geht so mühelos durch die Stahlbetonwände der Wiener Musikszenen. Niemandem sonst folgen so gegensätzliche Künstler auf die Bühne. Und das meist für wenig Geld. Als Katalysator, Organisator und notorischer Selbstausbeuter ist Renald Deppe aus Wien nicht mehr wegzudenken. Ebensowenig als kreativer Künstler."
Porgy & Bess: Renald Deppe & Capella Con Durezza & Urfahrer Chorherren & Frauen (D/A) (Robert Bilek, 2004), abgerufen am 17.12.2021 [https://www.porgy.at/en/events/1662/]

"Auch als Komponist bewegt sich Renald Deppe bisweilen abseits der Tradition. Die fünf Notenlinien genügen ihm schon lange nicht mehr. Er setzt seine musikalischen Vorstellungen mit großem Können graphisch um. Diese graphischen Umsetzungen, die eigentlich mehr einer Gefühls- bzw. Zustandsbeschreibung entsprechen, sind Kunstwerke an sich. Mit Tusche und in Aquarelltechnik fertigt Renald Deppe seine Kompositionen, die dann genau so hauchzart klingen wie seine Bilder wirken [...] von höchster filigraner Qualität sind die Kompositionen für jeden, man muss kein Musiker sein, um diese musikalischen Landschaften zu durchwandern."
Concerto (Alfred Krondraf)

Diskografie (Auswahl)

06.01.2017
"[...] Veröffentlichungswütig im klassischen Sinne ist er nicht gerade. Die lange Karriere des Renald Deppe hat bislang exakt null Tonträger abgeworfen. Wie es das geben kann? "Für mich ist Musik etwas, was sich der Fixierung entzieht. Aus Prinzip mache ich keine CDs. Nur einmal war ich versucht. Es war ein Kinderbuch von Elfriede Gerstl, das ich vertonen wollte." All die Jahre hat Deppe, ein aus Bochum gebürtiger Klarinettist und Saxofonist, lieber Locations initiiert als Platten aufgenommen [...]."
Die Presse: Wien ist ein einziger Rand (Samir Köck, 2017), abgerufen am 17.12.2021 [https://www.diepresse.com/5150270/bdquowien-ist-ein-einziger-randldquo-…]

23. August 2005
"[...] Es ist nicht wirklich verwunderlich, dass es Renald Deppes Musik nur live zu hören gibt. Mit einer Ausnahme: Vor zwei Jahren hat er ein Kinderbuch von Elfriede Gerstl, "Die fliegende Frieda", vertont und gemeinsam mit der Dichterin auf CD eingespielt. "Das war aber nur aus großer Verehrung, ein Tribute to Frau Gerstl, weil sie sich das so gewünscht hat." Ansonsten ist Deppe nie in ein Studio gegangen. "Zum einen, weil ich nicht das Geld hatte. Ich hab eh schon so viel in andere Projekte gesteckt. Mir war es wichtiger, dass in dieser Stadt bestimmte social points entstehen. Und zum anderen steh ich mit der Reproduzierbarkeit eines Kunstwerks sowieso auf Kriegsfuß. Darauf wurde schon viel zu viel Aufmerksamkeit verwandt – und viel zu wenig, um neue Wege zu finden für die Wahrheit des Augenblicks." [...]."
Falter: "Qualität des Scheiterns (Carsten Fastner, 2005), abgerufen am 17.12.2021 [https://www.falter.at/zeitung/20050823/qualitaet-des-scheiterns]

Literatur

mica-Archiv: Renald Deppe

2006 mica: Preise der Stadt Wien für Pierluigi Billone und Renald Deppe. In: mica-Musikmagazin.
2007 Masen, Michael: Grabenfest. In: mica-Musikmagazin.
2008 Rögl, Heinz: Imago Dei: Das Osterfestival in Krems (15. – 24. März). In: mica-Musikmagazin.
2010 Rögl, Heinz: Imago Dei in der Minoritenkirche - Renald Deppes Himmelerkundungen und Christoph Cechs Totentanz-Fragmente. In: mica-Musikmagazin.
2011 Ternai, Michael: lost&found: Zerbrechliches/Deponien. In: mica-Musikmagazin.
2011 mica: IMAGO DEI: Das Salz der Erde – Das Licht der Welt (10. März bis 9. April 2012). In: mica-Musikmagazin.
2012 Deisenberger, Markus: mica-Interview mit Renald Deppe. In: mica-Musikmagazin.
2012 mica: Vom Hör- und Sichtbaren. In: mica-Musikmagazin.
2012 mica: Neue Musik – heute? Symposium, Bericht vom 25.10.2012. In: mica-Musikmagazin.
2012 Ternai, Michael: Die Freistunde startet in die nächste Saison. In: mica-Musikmagazin.
2012 mica: Vom Hör- und Sichtbaren. In: mica-Musikmagazin.
2013 Trawöger, Norbert: Kulturen.Vermitteln.Musik – Tagungsbericht. In: mica-Musikmagazin.
2014 mica: Glatt&Verkehrt 2014. In: mica-Musikmagazin.
2014 Polaschegg, Nina: Und + – die Donaueschinger Musiktage 2014. In: mica-Musikmagazin.
2016 mica: Imago Dei 2016: "Zweifel, Liebe, Hoffnung". In: mica-Musikmagazin.
2018 mica: OSTERFESTIVAL IMAGO DEI 2018 – "NACHT & TRÄUME". In: mica-Musikmagazin.
2019 mica: LEICHT ÜBER LINZ. FESTIVAL AKTUELLER MUSIK. In: mica-Musikmagazin.

Publikationen des Künstlers (Auswahl)
2002 Deppe, Renald / Hell, Bodo / Schmiderer, Othmar: Ariadne im Garn Ria nackt. Eine Racheoper. Wien: Triton Verlag.
2007 Deppe. Renald: Präsentation von kursiv - eine Kunstzeitschrift. In: mica-Musikmagazin.
2010 Deppe, Renald: Kulturpreise des Landes Niederösterreich. In: mica-Musikmagazin.
2010 Deppe, Renald / Hell, Bodo / Höpler, Brigitta (Hrsg.): Linde tröstet Schubert - Waber retrospektiv und Weggefährten. Wien: Mandelbaum Verlag.
2019 Deppe, Renald: New Notations – New Directions: Kosmos Roman Haubenstock-Ramati. In: mica-Musikmagazin.

Zum graphischen Werk

2014
"Renald Deppe ist durchaus eine multiple Persönlichkeit. Anfangs ein klassischer Klarinettist. Dann auch Saxophonspieler, immer wieder einmal Pianist und gelegentlich beeindruckender Schlagzeuger. Trotz alledem erlebt man ihn selten als Interpret, der Stücke anderer Komponisten zur Aufführung bringt – bei aller musikalischen Bildung, bei aller Kenntnis und Bewunderung, die er den Werken entgegenbringt. "Letztlich stehe ich mit der Reproduzierbarkeit eines Kunstwerks auf Kriegsfuß. Darauf wurde schon viel zu viel Aufmerksamkeit verwandt – und viel zu wenig, um neue Wege zu finden für die Wahrheit des Augenblicks." (Renald Deppe)

Und darum sieht er sich und lebt im Kern als Improvisationskünstler – mit einem Spielbein im Jazz und dem Standbein in der Neuen Musik. In seiner Art von Neuer Musik, die so anspruchsvoll wie unakademisch ist, wo jeder Gedanke tatsächlich im Augenblick neu entsteht und intensiv ausgelebt wird.  

Aus diesem Bestreben zum Improvisativen und damit zum Verlassen des tradierten Notationsgefüges wächst auch sein Bedürfnis nach anderen visuellen Darstellungsformen von Musik, daß er mit seiner Neigung, ja seiner Obsession, zum Grafischen produktiv verzahnt. "Ein Stück Papier, ein Stift, das waren unverzichtbare Utensilien für das Kind, den Heranwachsenden, den Studenten – und sind es bis heute geblieben". So musiziert er am Tag und entwirft in der Nacht fein ziselierte Bilder, überbordend von dichter Fülle an Zeichen, Strichen, Schnitten. "Altmeisterlich arbeitet er mit einer Vielfalt von Stahlfedern, er kratzt und sticht ins Papier, er spreizt die Feder, um sie im nächsten Moment tupfend tanzen zu lassen. Der Treibstoff: bevorzugt Eisengallus- und Nussbaum-Tinte". (Gerhard Gensch)
Viele seiner Arbeiten sind Musikalische Grafiken – durch die Verwendung musikalischer Symbole und Motive, von Wiederholungen und rhythmischen Strukturen, durch ihre spielerische Virtuosität – gedacht als konkrete Anleitungen und Anregungen für die Ausführenden; jedoch nicht als Korsettstangen ihrer Kreativität. Denn Renald Deppe ist der Meinung, dass "das 'Be- und Verschriften' musikalischer Prozesse wertvolles Kulturgut ist. Unsere Gegenwart aber nutzt hauptsächlich eine (auch zu kommerziellen Zwecken) global verbreitete Norm-Verschriftung der Musik. Vielgestaltige Klangprozesse erfordern jedoch vielgestaltige Aufzeichnungssysteme." Die Arbeiten, die für diese Ausstellung entstanden sind, suchen und erkunden "das ungemein komplexe Gedächtnis der Worte, Klänge, Töne, Geräusche: eine Schule der Wahrnehmung für hörende Augen und lesende Ohren. In immer neuen graphischen Variationen wechseln vier musikalische Ordnungssysteme scheinbar willkürlich ihren Sinnzusammenhang, ihr Verschriftungsdimensionen und Gedächtnisfunktionen." (Renald Deppe) Die so entstandenen visuellen Klang-Tabulaturen basieren auf vieldeutigen Aphorismen der an Demenz erkrankten Sylvia Rosenhek, gewissermaßen als visuell-akustisches Gedächtnis einer herausragenden Persönlichkeit:

Manchmal bin ich rostig.
Alles ist wahr, wenn man es versteckt.
Es weint mich.
Ich darf auch einmal wanzig sein!
Ich hab verlassen das Gutaussehen.
Ich bin nicht dementiert.

Renald Deppe ist ein leidenschaftlicher Arbeiter mit unendlicher Ausdauer. Wenn seine Zeichnungen als Grundlage einer musikalischen Aufführung entstehen, dann ist ihm keine Mühe zu groß: meistens bekommt jeder Mitwirkende seine eigene  Spielpartitur, unverkennbar auf sie oder ihn zugeschnitten; mit musikalischen und persönlichen Bezügen, mit mannigfaltigen Spielanregungen, manchen Rätseln und gerne mit liebevoll-ironischen Kommentaren gespickt."
Universität Mozarteum Salzburg: "Ich möchte durchbrennen in meine Welt" - Zur Ausstellung der »Stör- und Nebengeräuschkalligraphie« von Renald Deppe
bei den Donaueschinger Musiktagen 2014 (Univ.Prof. Reinhart von Gutzeit, 2014). In: Mailzuschrift Renald Deppe, abgerufen am 13.01.2022]

02. Mai 2012
"Seit seiner Gründung hat sich Campus Cultur immer wieder dem Dialog von Kunst und Wissenschaft zugewendet. Einige von Ihnen werden sich sicher noch an die Klanginstallation "A Sound Map of the Danube" der New Yorker Künstlerin Annea Lockwood erinnern oder an die Klangbilder des Londoner Computer-Forschers Michael Casey. Heute eröffnen wir eine Ausstellung, die uns erneut in den Grenzbereich von Wissenschaft und Kunst führt. Und dazu lädt uns ein Künstler ein, der mit besonderer Lust und Leidenschaft sich an solchen Borderlines bewegt: Renald Deppe. Er ist Klarinettist, Saxophonist, Komponist, Zeichner, Konzeptionist und noch vieles mehr, also selbst ein Gesamtkunstwerk. Lassen Sie mich einige wenige biografische Stationen nennen: Der seit vielen Jahren in Wien lebende Künstler wurde in Bochum geboren. Er studierte an der Folkwang-Hochschule in Essen Klarinette, Klavier und Komposition. Die weitere musikalische Ausbildung absolvierte er in Berlin und an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien. Renald Deppe ist Gründer und künstlerischer Leiter mehrerer Festivals und Kulturinitiativen und hat sich als Komponist durch zahlreiche Auftragswerke einen Namen gemacht. Arbeitsschwerpunkte seines Schaffens sind neben der Kammermusik, Musiktheater, Graphische Notationsarbeiten, Installationen und sogenannte Klang-Graphein. Er ist Gründer der "Capella con Durezza" und des Ensembles "Wachauer Pestbläser".

Aber nun zu "Tomographia", ein Kunstprojekt von Renald Deppe, das auf Anregung von Campus Cultur entstanden ist und weit mehr umfasst, als das, was wir heute hier sehen und hören. Tomographie: Zwei Worte prägen den Begriff: zum einen das altgriechische tome, was so viel wie Schnitt heißt und das Wort graphein, übersetzt "schreiben". Im Gegensatz zur Röntgentomographie ist in der Computertomographie die Nutzung eines Computers notwendig, um aus den Rohdaten überlagerungsfreie Schnittbilder zu erhalten. Grundlage ist ein Schichtaufnahmeverfahren, das die innere räumliche Struktur eines Objekts ermitteln und in Schichtbildern, Tomogrammen, darstellen kann. Vereinfacht gesagt: Ein Schnittbild gibt die inneren Strukturen so wieder, wie sie nach dem Aufschneiden des Objekt in dünne Scheiben vorliegen würden. Dieses Verfahren wird besonders in der Gehirntomografie angewendet und genau hier lässt sich problemlos eine Querverbindung zum erst seit den 1980iger Jahren des letzten Jahrhunderts etablierten Forschungsbereich der neurolaren Wahrnehmung von Musik herstellen und zu "Tomographia" von Renald Deppe. Denn Grundlage seiner hier ausgestellten Arbeiten ist die intensive Auseinandersetzung mit Gehirntomografien, die er von befreundeten Neurologen zur Verfügung gestellt bekam.

Deppe hat sich diesen Bildern aus der neurowissenschaftlichen Praxis aber nicht mit dem Auge des Mediziners, des Neurologen genähert, dies wäre ihm ohnehin nicht möglich, sondern versucht, die strukturelle und vor allem visuelle Komplexität der neurologischen Tomogramme zu dechiffrieren, um sie dann als Zeichner und Komponist in ganz spezifischen Klangtomographien neu zu verschlüsseln. Was ihn fasziniert habe, sagt Deppe, sei die Parallelität von Schnittbildverfahren in der Neurowissenschaft und in der Musik. Beides hat er in den hier erstmals gezeigten Arbeiten kongenial verbunden. Deppe verknüpft dabei den Zeichenkosmos neurologischer Schnittbilder mit seinen ganz spezifischen Strukturelementen graphischer Partituren und macht beides in einem neuen Ganzen sichtbar.

Ich kenne keinen zeitgenössischen Komponisten, der seine Klangwelten so meisterhaft bildnerisch umsetzt. Das was Deppe vorlegt, geht aber weit über das hinaus, was gemeinhin sich im 20. Jahrhundert unter dem Sammelbegriff der graphischen Partitur etablierte. Im Gegenteil: es führt zurück in die Musikgeschichte, hin etwa zu den Tabulatoren, den graphischen Partituren des frühen 14. Jahrhunderts. Deppe empfindet die fünf Notenlinien als Segen und Gefängnis gleichermaßen, ein Korsett, so sagt er, das von den Emotionen, die den zeitgenössischen Komponisten beim Komponieren bewegen, nichts mehr wiedergibt. Ein Käfig aber auch für die Interpreten. Dem hat sich der Komponist Renald Deppe zeichnend entzogen.

Das Zeichnen begleitet ihn deshalb so lange wie die Musik. Ein Stück Papier, ein Stift, das waren unverzichtbare Utensilien für das Kind, den Heranwachsenden, den Studenten – und sind es bis heute geblieben. Und das Handwerkszeug des Zeichners: Altmeisterlich arbeitet er mit einer Vielfalt von Stahlfedern, er kratzt und sticht ins Papier, er spreizt die Feder, um sie im nächsten Moment tupfend  tanzen zu lassen. Der Treibstoff: bevorzugt Eisengallus-Tinte, in Europa ein Vorläufer der Tusche, eine Tinte, die sich durch Oxidation ins Papier brennt, und, wenn das Mischverhältnis nicht stimmt, den gefürchteten Tintenfraß auslöst. Und dann noch die nicht lichtechte Nussbaum-Tinte und diese oder jene Tinktur, die uns eine Spur ins Traumreich des Renald Deppe legt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,   
kann man Musik sehen? Kann man mit den Augen hören? Ja, man kann. Braucht man dazu ein spezielles Studium, muss man Partituren lesen können? Nein, nicht erforderlich. Muss man dazu eine besondere innere Disposition mitbringen? Ja, unverzichtbar. Und das wäre? Ich sage: Lust an der AUGENWEIDE, Anfälligkeit für klangstarke Tagträumereien und ausgeprägte Neugier für Exkursionen ins innere Gelände. Renald Deppe stellt uns dafür das notwendige Kartenmaterial zur Verfügung. Nehmen Sie die Einladung an."
DonauUniversität Krems: Eröffnungsrede zur Ausstellung "Tomographia" (Prof. Gerald Gensch). In: Mailzuschrift Renald Deppe, abgerufen am 13.01.2022]

"Ist ein Notenblatt ein Kunstwerk?
Nein, ein Notenblatt ist ein Stück Papier auf dem mit jeweils fünf Linien, Punkten und Stichen, Noten festgehalten werden. Eine Note steht für einen Ton und dabei ist ganz starr festgelegt, wie lange der Ton zu spielen ist und in welcher Höhe und Lautstärke. Es ist eine ganz eigene Schrift, die nur Musiker wirklich "lesen" können. Die Partituren, also die Notenblätter von Renald Deppe sehen aber keineswegs wie herkömmliche Notenblätter aus.
Man könnte sagen, diese Arbeiten sind aus einer Not geboren. Die Not besteht darin, dass die neuen Klangvorstellungen in dem komplizierten Linienkorsett eines herkömmlichen Notenblattes keinen befriedigenden Platz mehr finden. Die Kunst von Renald Deppe besteht also auch darin, sich für seine Ideen neue Wege zu suchen.
Es gibt in Deppes Partituren keine starren Strichmuster mehr. Er hat sie ersetzt durch Strukturen, freiere Linien und manchmal auch Farben. Mit ein bisschen Fantasie kann man sie mit Landkarten vergleichen. Wenn man das geeignete Auge hat, dann findet man sich auf ihnen auch zurecht. Und wie gegen 18:15 Uhr auch zu hören war, finden sich die Musiker darauf sehr wohl zurecht. Der Klang dabei ist ebenso neu und anders, wie die Schreibweise, die Deppe sozusagen erfunden hat. Er fragt sich: "Was ist normal? Wenn ohnehin alle normal sind, wäre es dann nicht auch in Ordnung, wenn manche etwas anders sind?"

Palimpsest und Inkunabel?
Zwei Wörter, die man nicht kennen muss. Aber es ist ein besonderes Vergnügen, wenn man sie von Bodo Hell erklärt bekommt: "Meyers Konversationslexikon von 1896 versteht unter Palimpsest ein Pergament, von welchem die Schrift abgekratzt, weggewischt oder sonst irgendwie unsichtbar gemacht wurde, damit man Neues darauf schreiben konnte. Da im Mittelalter das Schreibmaterial kostspielig war, so bediente man sich diesen Mittels um schon beschriebene Pergamentrollen wieder benutzen zu können.
Renald Deppe verwendet keine alten Schriftrollen, die er - sagen wir mal recycelt. Er schreibt seine Partituren auf Packpapier, Zeichenblätter oder auch auf Postkarten, die er dann verschickt. Und trotzdem passt der Ausdruck "Palimpsest", denn seine Partituren lassen ebenfalls Schichten erkennen. In manchen Arbeiten ist gut sichtbar, dass mehrere Schichten übereinander aufgetragen wurden und man kann die untersten nur mehr erahnen. Bodo Hell drückte es so aus: "[...] man könnte vielleicht durch Schaben oder Fluoreszieren zu ungeahnten Musiken im Blattinneren vordringen, [...]". Das Wort Inkunabel leitet sich von lateinisch incunabula "die Windel" her. Es kommt aus einer Zeit, als die Druckgrafik unter Gutenberg noch in den sprichwörtlichen Kinderschuhen steckte. Man bezeichnet damit im weiteren Sinn frühe Druckgrafiken. Das Wort Inkunabel nimmt uns also mit in eine Zeit, als sich das Schriftsystem gerade normiert hatte.
Und hier schließt sich der Kreis wieder. Die Frage danach, was normal ist und ob es nicht auch anders geht. Ob es nicht anders vielleicht sogar besser oder brauchbarer ist.

Musik festhalten?
Darstellende Kunst ist vergänglich. Dieser Umstand bringt die Menschheit dazu immer wieder darüber nachzudenken, wie man das ändern könnte. Es geht also auch um das Aufbewahren und sichern von Wertvollem. Renald Deppe hat seinen Weg dazu gefunden. Bodo Hell stellte fest, dass Renald Deppe "in Gesprächen auch immer darauf hinweist, dass es stets schon andere Formen der Verschriftlichung von Musik gegeben hat, denken sie nur an die Neumen und die merkwürdigen Zeichenhäufungen in Tabulatoren, von denen einst ganz selbstverständlich heruntergesungen und – gespielt werden konnte, seine Blätter könne man entlang der grafischen Entsprechung sowohl in der Bahn als außerhalb der Bahn in den Flächen oder auch entlang der Bahn musizieren: also trotz dichter Vorgaben auch ein großer Freiraum für die Interpreten."
 In dem aspektreichen Fundus dieses Abends findet sich letztlich auch die Frage wieder: Wie viel Freiraum braucht die Musik und wie viele Regeln und Normen tun ihr noch gut? Es war bemerkenswert, das Zusammenspiel der Musiker zu hören und gleichzeitig aber auch die Individualität jedes einzelnen aufrecht zu sehen."
Maierhofer, Sandra: Musik zum Lesen. In: Mailzuschrift Renald Deppe, abgerufen am 13.01.2022]

Quellen/Links

Webseite: Turmmusicke
Webseite: hinterland galerie
Webseite: galerie splitter art
Webseite: Porgy & Bess - "In der Strengen Kammer", Renald Deppe
Webseite: Porgy & Bess - "Public Domain"
Webseite: Institut zur Verbesserung der Lage - Verortung & Perspektive : Lese- & Vortragsreihe 2022
NAIP – European Master of Music: Interview mit Renald Deppe (Dietmar Flosdorf)
Österreichisches Musiklexikon online: Deppe, Ehepaar

Empfohlene Zitierweise
mica (Aktualisierungsdatum: 18. 2. 2022): Biografie Renald Deppe. In: Musikdatenbank von mica – music austria. Online abrufbar unter: https://db.musicaustria.at/node/52550 (Abrufdatum: 26. 6. 2022).