Mitterer Wolfgang

Vorname
Wolfgang
Nachname
Mitterer
erfasst als
InterpretIn
KomponistIn
MusikerIn
AusbildnerIn
Genre
Neue Musik
Jazz/Improvisierte Musik
Subgenre
Experimental/Intermedia
Modern/Avantgarde
Instrument(e)
Orgel
Geburtsjahr
1958
Geburtsort
Lienz
Geburtsland
Österreich

MIt freundlicher Genehmigung von Fotograf: Gert Mosettig ©

 

Geboren 1958. Studierte Orgel und Komposition an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien, Studium am Stockholmer Studio für elektronische Musik. Als Spezialist für Orgel und Live-Elektronik und Initiator von kollektiven Ensembles wie "Pat Brothers" und "Call Boys Inc." ist Wolfgang Mitterer wahrscheinlich der wichtigste innovative Vertreter elektronisch-experimenteller Musik in Österreich.

 

Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Komposition und offener Form. Abgesehen von Musik für Orgel und Orchester, einem Klavierkonzert und einer Oper hat er vor allem elektronische Stücke komponiert, Sound Installationen konzipiert und in gemeinsamen Improvisationen mit diversen Gruppen eine Sprache der Extreme, Spannung und Komplexität entwickelt.


Ausbildung
1977 Graz Orgel Bruckner Otto
1978 - 1983 mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Wien Komposition Gattermeyer Heinrich
1978 - 1983 mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Wien Konzertfach, Abschluss mit Diplom Orgel Tachezi Herbert
1983 - 1984 EMS Elektronmusikstudion Stockholm Stockholm Elektroakustik
1988 Rom Studienaufenthalt als Stipendiat des Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
1995 - 1996 DAAD - Deutscher Akademischer Austausch Dienst Berlin Studienaufenthalt

Tätigkeiten
1991 Olongapo Gründung des Labels
2000 - 2003 mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Wien Lehrauftrag für Musik und Computer
2004 Internationale Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt Darmstadt Dozent
2006 - 2009 Austro Mechana - Gesellschaft zur Verwaltung und Auswertung mechanisch musikalischer Urheberrechte GesmbH Wien Aufsichtsratmitglied
2008 AKM - Staatlich genehmigte Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger Wien Einstufungskommision
2009 Soziale & Kulturelle Einrichtungen der austro mechana - SKE Fonds Wien e-musik und sozialbeirat
2011 CNSMDP - Conservatoire National Supérieur de Musique Paris Paris Meisterklasse für freie Improvisation
2012 Austro Mechana - Gesellschaft zur Verwaltung und Auswertung mechanisch musikalischer Urheberrechte GesmbH seither Aufsichtsratmitglied
2012 Theodor Körner Fonds Wien Jurymitglied
2012 New York Vorträge und Konzerte
2012 Dresden Workshops an der Musikhochschule
2013 Theodor Körner Fonds Wien Beiratsmitglied
Musiker in Gruppen wie Pat Brothers, Hirn mit Ei, Call Boys Inc, The Four Seasons, Dirty Tones, Matador
regelmäßige Kollaborationen mit Ernst Reijsegger, Jean Paul Celea, Hans-Ola Ericsson, Roscoe Mitchell, Linda Sharrock, Gunter Schneider, Wolfgang Reisinger, Klaus Dickbauer, Hozan Yamamoto, Tscho Theissing, Tom Cora, u.v.a.
Initiator und Mitbetreiber von kollektiven Ensembles verschiedener stilistischer Ausrichtungen zwischen Jazz, Volksmusik, New Wave und Geräuschmusik

Aufträge (Auswahl)
Serapions Ensemble  
Theater Gruppe 80  
Falter VerlagsgmbH  
Amt der Tiroler Landesregierung
Steirischer Herbst
Musikprotokoll im Steirischen Herbst
Staatstheater Darmstadt  
Wiener Konzerthausgesellschaft
Klangspuren - Verein zur Förderung von Neuer Musik Schwaz
ORF - Österreichischer Rundfunk
SRG SSR idée suisse - Schweizer Rundfunkgesellschaft
WDR - Westdeutscher Rundfunk
SWR - Südwestrundfunk
2012 Düsseldorfer Schauspielhaus (Regie: Andrea Breth) "Marija" - Musik zum Theaterstück
2013 Volkstheater Ges.m.b.H. "Maria Stuart" - Musik zum Theaterstück
2013 Burgtheater Wien "Hamlet" - Musik zum Theaterstück

Aufführungen (Auswahl)

1997 Porgy & Bess Wien free flow
1997 Wien
1998 Klangspuren - Verein zur Förderung von Neuer Musik Schwaz Schwaz in Tirol networds 1-5
1998 Bern Matador 1
1999 Wien Modern Wien Ka und der Pavian - für Chor, 13 Instrumente und Ringbeschallung
1999 Styriarte Graz silbersandmusik
2000 Berlin zeit vergeht
2000 Hamburg Musikfest Hamburg www.bwv.org
2001 Tiroler Festspiele Erl Tirol horizontal noise
2001 Berlin Mixture
2002 Kabinetttheater Wien Wien kadout
2002 Klangspuren - Verein zur Förderung von Neuer Musik Schwaz Schwaz in Tirol silbersandmusik
2003 Wiener Festwochen Wien massacre - oper
2004 Donaueschinger Musiktage Donaueschingen zeit vergeht
2004 Wiener Konzerthaus Wien Sunrise
2005 Donaufestival Krems Niederösterreich - Österreich radio fractal
2006 Berlin labyrinth 4
2006 Innsbruck white foam
2007 Budapest "nosferatu" - Live-Vertonung
2007 V:NM Festival Graz Graz gemeinsam mit Josef Klammer Badminton
2007 Dschungel Wien Wien Das tapfere Schneiderlein - Musik für eine Puppenbühne
2008 Stuttgart mit einem lachenden auge
2008 MaerzMusik - Festival für aktuelle Musik Berlin deutsche Erstaufführung, Remix Ensemble Porto go next - für Ensemble, Elektronik und Dirigent
2008 Luxemburg Das tapfere Schneiderlein - Musik für eine Puppenbühne
2009 3Raum - Anatomietheater Wien espirando
2009 Madrid massacre - oper
2010 Philharmonie Köln Köln "nosferatu" - Live-Vertonung
2011 Donaueschinger Musiktage Donaueschingen Little Smile
2011 Wien Modern Wien Schwerpunkt Wolfgang Mitterer gewidmet
2012 Wiener Konzerthaus Mixture
2012 Hamburg Elbphilharmonie Baron Münchhausen - Comic-Opera
2012 Berliner Staatsoper Unter den Linden Berlin das tapfere Schneiderlein
2013 Wien Modern mobile beats 02
2013 Festival St. Gallen faust_requiem - Sprechoper
2013 MaerzMusik - Festival für aktuelle Musik Philharmonie Berlin rasch
2013 Musica Viva München München crush 1-5
2014 Klangspuren - Verein zur Förderung von Neuer Musik Schwaz Composer in Residence
Festival Moers Moers - Deutschland  
Musikprotokoll im Steirischen Herbst Graz regelmäßige Aufführungen

Auszeichnungen
1986 Preis der deutschen Schallplattenkritik
1987 Bundeskanzleramt Österreich Kunst und Kultur Förderungspreis
1989 Republik Österreich Staatsstipendium für Komposition
1990 Ars Electronica Anerkennungspreis
1992 Max-Brand-Preis
1994 Austro Mechana - Gesellschaft zur Verwaltung und Auswertung mechanisch musikalischer Urheberrechte GesmbH Publicity-Preis
1995 DAAD - Deutscher Akademischer Austausch Dienst Gast des Berliner Künstlerprogramms
1995 Amt der Tiroler Landesregierung Emil-Berlanda-Preis
1995 Prix Futura Berlin
2002 Stadt Wien Musikpreis
2002 Musikforum Viktring-Klagenfurt Elektronikpreis
2003 Amt der Tiroler Landesregierung Kunstelektronikpreis
2004 Stadt Wien Musikpreis
2005 Erste Bank der österreichischen Sparkassen AG Kompositionspreis
2006 ORF - Österreichischer Rundfunk ORF Pasticcio-Preis coloured noise - brachialsymphonie
2008 Prix italia
2015 Bundeskanzleramt Österreich Kunst und Kultur Österreichischer Kunstpreis
2018 Österreichischer Filmpreis in der Kategorie "Beste Musik für Untitled"

Stilbeschreibung

Das Losspringen eines kleinen Saugnapfes, als Tatsache vorhersehbar, als Zeitschnitt unberechenbar, markierte vor Jahren den Beginn eines Solo-Konzertes von Wolfgang Mitterer. Fast eine Chiffre für Wolfgang Mitterers musikalische Kunst. Herausforderung, Überraschung, Unerwartetes ist mit den Polen Präzision und strukturelles Denken verbunden. In einer kleinen Geste wie im großangelegten Konzept vebergen sich ähnliche Mechanismen, spürbar in der Solo-Performance wie im Großprojekt, im Improvisationskollektiv wie in der Komposition. Vor dem Hintergrund der Vertrautheit mit dem selbsterstellten elektronischen Equipment nimmt der Solist Wolfgang Mitterer die Herausforderung permanenter Selbstüberraschung an. Vor dem Hintergrund genauer Notation fordert er als Komponist die Musiker zu kreativer Musizierhaltung heraus. Ein Projekt für Tausende Chorsänger wird zur sozialen Plastik. Angesichts alltäglichen, großindustriellen Studioperfektionismus gestaltet Mitterer riesige Raumperformances ebenso wie elektronisch generierte Miniaturen als permanenten Angriff auf das Selbstverständliche, auf eine nur vorgebliche Vertrautheit. Die Perfektion dieser Kunst liegt in ihrer musikalisch-gedanklichen Radikalität.
"To accept situations" haben vor Jahrzehnten Künstler wie John Cage und Merce Cunningham zum Credo erkoren, um fortan das Monopol der Konzertsäle zu durchbrechen und Museum, Zirkus oder elektronischen Raum als Orte der Kunst zu erobern. Wolfgang Mitterer ist ein Agent provocateur dieser Kunst, nur daß die Haltung des Akzeptierens längst nicht mehr reicht. Die zu bewältigende Situation ist nicht nur provozierbar, das Suchen nach der Herausforderung ist Teil der Kunst geworden.
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis aus den chaostheoretischen Untersuchungen der letzten Jahre, wie weit gespannt das Spektrum an sehr wohl geordneten, aber dennoch nicht voraussagbaren und daher chaotisch erscheinenden Prozessen ist (und wie schmal jenes der tatsächlich chaotischen und tatsächlich voraussagbaren Ereignisse). Und vielleicht ist Wolfgang Mitterers Musik in diesem Sinn seit Jahren deswegen von Aussagekraft, weil Musizierhaltung wie kompositorische Struktur, Solieren ebenso wie kollektives Spiel und Großinszenierung fruchtbare Widersprüchlichkeiten erforschen: die schillernden Welten der Notwendigkeit ohne Grund, des Fremden im Vertrauten, der Selbstverständlichkeit der Verunsicherung.

 

Christian Scheib, 1996


Pressestimmen

Fremdes im Vertrauten. Erinnern und Weitergehen sind bewährte Pole in der europäischen Kunstmusik. 'Wolfgang Mitterer: "Daß gute Kammermusik von den um die Form Bescheid wissenden Zeitgenossen immer auch als Erzählung über eben diese Form gehört wurde, bin ich mir sicher. Der Hörer fragt, wo geht er jetzt hin, warum bricht er jetzt aus? Meine Musik ist eine Art formales Musizieren, ein Spiel mit der Form." Seine Musik erzwingt die genaue Beobachtung der Töne und ihrer Fortschreitung, will man nicht aus dem Netz von klanglichen Bezugnahmen fliegen. Mit einer tatsächlich alles fordernden Flucht nach vorn reagiert Wolfgang Mitterer auf die Herausforderung durch das traditionelle Experimentierfeld Kammermusik. 

Christian Scheib

 

Mitterer - ein Spontan-Komponist, der mit auch noch so bizarren Instrumentarien raffinierte und dichte Strukturen zu puzzeln imstande ist. 

Der Standard

 

Versuch und Irrtum, überraschende Einbrüche und Angriffe. Die Strategie der Live-Elektronik-Performances von Wolfgang Mitterer besteht darin, sich selbst immer wieder unter Zugzwang zu bringen. Die enorme Dichte der Textur in der Musik von Wolfgang Mitterer und seine Radikalität und Kompromißlosigkeit fordern die Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit der Zuhörer heraus. Ein kantiger Tiroler zwischen Ordnung und Anarchie.

Die Presse

 

Es wurde geschabt, gekratzt, gesägt, dass es eine Freude war, dass es dem Neuen Saal im Wiener Konzerthaus alle Ehre machte. Ein neues Streichquartett von Wolfgang Mitterer bedeutet aber nicht nur das Auskosten musikalischer Extreme, sondern auch das Bröckeln überkommener Gattungstradition. Bewusst setzt Mitterer die akustisch oft benachteiligte Bratsche auf den Platz des Primarios und lässt die Violinen zwar zentral, aber zwei Schritte hinter den Kollegen stehen - wie die in Teilen indeterminierte Partitur überhaupt die herkömmlichen notengrafischen Zuordnungen oben/hoch, unten/tief aufbricht.

V:NM Festivalprogramm

 

Johann Sebastian Bach und Wolfgang Mitterer - ein ungleiches Paar, möchte man meinen. Was den berühmten Barockmeister mit dem Zeitgenossen verbindet, ist aber nicht nur die Vorliebe für Tasten und die Tripelfunktion als Komponist, Interpret und Improvisator, sondern auch der Mut, Neues zu wagen (...) "Vox acuta". Da dröhnen die Pedalcluster, als würde eine gewaltige Flutwelle heranrauschen und nervös flackernde Melodien vor sich hertreiben (...)

Kölner Stadtanzeiger


Link zu Wolfgang Mitterers Diskografie


Links mica-Archiv: Wolfgang Mitterer, mica-Artikel: "Orquestra Sinfónica do Porto" präsentiert Mitterer-Uraufführung und Mahler im Konzerthaus (2010), mica-Artikel: Low Frequency Orchestra & Wolfgang Mitterer präsentieren "MOLE" (2010), mica-Artikel: Wolfgang Mitterer präsentiert "Silbersand" (2011), mica-Artikel: Wolfgang Mitterer on Air auf allen Röhren (2011), mica-Artikel: ORF-RSO Wien mit Uraufführung von Wolfgangs Mitterers "out of time" (2011)

Empfohlene Zitierweise
mica (Aktualisierungsdatum: 23. 2. 2020): Biografie Wolfgang Mitterer. In: Musikdatenbank von mica – music austria. Online abrufbar unter: https://db.musicaustria.at/node/60314 (Abrufdatum: 25. 11. 2020).

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