Schwertsik Kurt

Vorname
Kurt
Nachname
Schwertsik
erfasst als
AusbildnerIn
DirigentIn
KomponistIn
MusikerIn
Genre
Neue Musik
Subgenre
Tradition/Moderne
Instrument(e)
Horn
Geburtsjahr
1935
Geburtsort
Wien
Geburtsland
Österreich

© Christian Heindl

Seine Werke zeugen von Vorbehalten gegen jede Form der übertriebenen Ernsthaftigkeit, was sich häufig auch schon in der Wahl der Werkstitel manifestiert. Seine trotz Hinterlistigkeit gutmütige Musik wird von dem Wunsch getragen, Wahres und Wichtiges ohne Umschweife zum Ausdruck zu bringen, wobei der Komponist oft auch im Skurrilen nach tieferer philosophischer Bedeutung sucht, sich jedoch letzten Endes nie allzu ernst zu nehmen scheint. Musikästhetisch bleibt der Komponist dabei stets unvorhersehbar, da er sich nie auf die Wahl der Mittel festlegen lässt. Zweifellos hat Kurt Schwertsik es seiner leicht zugänglichen Tonsprache und humoristisch-ironischen Veranlagung zu verdanken, dass er zu einem der meistgespielten zeitgenössischen Komponisten Österreichs geworden ist und sich inzwischen auch auf internationaler Ebene den Ruf als einer der bedeutendsten österreichischen Komponisten erworben hat.

Stilbeschreibung

"Die stilstische Entwicklung Schwertsiks [...] läuft der von vielen anderen schöperischen Musikern diametral entgegen. Zunächst dodekaphonischen und seriellen Techniken verbunden, interessierte er sich bald auch für aleatorische Arbeiten im Sinne J. Cages, verwarf diese Experimente aber später zugunsten einer verständlicheren Musiksprache. Immer mehr entdeckte er die Tonalität und fand zu einer überaus persönlichen, von innerem Engagement getragenen Sprache, die sich nicht scheut, "schöne" Klänge im herkömmlichen Sinn zu verwenden [...]. Bewusst außerhalb einer allzu "Ernsten Musik" stehend, halten sich seine Kompositionen jedwedem elfenbeinernen Turm einsamer Ästhetik ferne und bestechen nicht zuletzt durch ins Ohr gehende, sangbare Melodik."

"[...] Jede neue Generation will deutlich ihr Anliegen vorbringen: Deshalb wandelt sich der Stil. Und weil sie überzeugt ist, nun endlich den richtigen Weg zu den Herzen der Menschen eingeschlagen zu haben, so erscheint dieser Stil ihr auch fortschrittlich. Daß hinter jedem Stil letzten Endes die gleiche Bemühung steckt, wird gern übersehen. So schleicht sich auch in der Kunst Intoleranz, Verachtung, Kampf und Streit ein.
Bevor ich mich als junger Mensch voll Begeisterung in all diese Verwirrungen stürzte, lebte ich in dem Wahn, in gelehrten Büchern Erwachsener die Antwort auf meine Fragen zu finden. Bald aber merkte ich, daß die Tendenz der Gesellschaft dahin ging, Fragen, auf die sie keine Antwort hatte, als kindisch abzutun.

Ich entzog mich dem angemuteten Verdrängungs- und damit verbundenen Anpassungseffekt: Mit Leibes- und Geisteskräften wehrte ich mich dagegen, vom lethargischen Einverständnis der Gesellschaft erdrückt zu werden. Ich wollte mich und alle von den seelischen, geistigen und materiellen Zwängen befreien. Ich nahm mir das Recht, einen frischen Blick auf alle geheiligten Werke unserer Kultur zu tun. Heuchelei, Halbwahrheiten und Notlügen zur Rettung des widerwärtigen Status Quo wollte ich entlarven. Im Zürcher Dadaismus fand ich dann viel wonach ich suchte: Ausgelassenheit, Respektlosigkeit vor aufgeklebten Bärten, Selbstironie, Experiment und vor allem Aufbegehren gegen den bürgerlichen feierlichen Ernst, der den Krieg als Notwendigkeit rechtfertigt.
Heute weiß ich, daß ich im Grunde Künstler suchte, die Satie, Ives, Schwitters, Wittgenstein und Gandhi in einer Person sind. Ich suchte die Einheit von Leben und Werk, den Künstler, dessen Arbeit nicht nur Teil seines Lebens, sondern bei dem auch sein Leben Teil der Arbeit ist. Deswegen verehre ich Cage, er ist immer er selbst. Deswegen bin ich auch froh, daß Cornelius Cardew mein Freund war, erschrocken aber ruhig ist er seinen Weg gegangen.

Nach soviel Erinnerung sollten wir zum Schluß in die Zukunft blicken, am besten jeder in seine eigene! Dazu ein Hinweis: Ich warne jedermann, die eigenen Grenzen zu erkennen."
Kurt Schwertsik: Boosey & Hawkes-Prospekt (Bonn, 1983, S. 8 f.)

Auszeichnungen

1960 Österreichisches Kulturinstitut Rom (Italien): Stipendium
1960–1962 Stipendien für weitere Studienaufenthalte in Rom (Italien) und London (Großbritannien)
1968 Stadt Innsbruck: Kulturwochenpreis
1972 Stadt Wien: Förderungspreis
1974 Republik Österreich: Österreichischer Staatspreis
1974 Bundeskanzleramt Österreich Kunst und Kultur: Würdigungspreis für Musik
1977 Republik Österreich: Würdigungspreis
1980 Stadt Wien: Musikpreis
1992 Republik Österreich: Großer Österreichischer Staatspreis
1996–1997 Wiener Concert-Verein: Composer in Residence
1997 Republik Österreich: Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst
2006 Amt der Wiener Landesregierung: Silbernes Ehrenzeichen
2013 Festival St. Gallen (Schweiz): Composer in Residence
2015 Amt der Niederösterreichischen Landesregierung: Silbernes Komturkreuz des Ehrenzeichens
2017 Amt der Wiener Landesregierung: Goldenes Ehrenzeichen

ÖKB – Österreichischer Komponistenbund, Wien: Ehrenmitglied

Ausbildung

1949–1957 mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: Komposition (Joseph Marx, Karl Schiske)
1949–1957 mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: Horn (Gottfried von Freiberg)
1955 Internationale Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt (Deutschland): Meisterklasse (Pierre Boulez)
1957–1962 Internationale Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt (Deutschland): Meisterklassen (u.a. bei Bruno Maderna, Hans Werner Henze, John CageKarlheinz Stockhausen)
1957–1962 IMD – Internationales Musikinstitut Darmstadt (Deutschland): Meisterklasse (René Leibowitz)
1959–1960 Köln (Deutschland): Privatunterricht (Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel)
1964–1965 Wien: Privatstudien Formanalyse (Josef Polnauer)
1966 Kailfornien (USA): Analyse (Jonas Oswald)

Tätigkeiten

1958–heute Wien: Hornist, Dirigent
1965 Wiener Salonkonzerte: Gründung der Verantaltungsreihe (gemeinsam mit HK Gruber und Otto M. Zykan)
1966 University of California, San Diego (USA): Gastvorlesungen (Komposition, Analyse)
1979–1988 MUK – Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien: Dozent (Komposition)
1988 mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: Gastprofessor (Komposition)
1989–2003 mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: Professor (Komposition)
2006–heute Joseph-Marx-Gesellschaft, Wien: Gründungs- und Vorstandsmitglied

Österreichischer Kunstsenat, Wien: Mitglied
ÖKB – Österreichischer Komponistenbund, Wien: Mitglied

Mitglied in Band/Ensemble/Orchester
1955–1959 Niederösterreichisches Tonkünstler-Orchester, St. Pölten: Hornist
1958–1983 die reihe, Wien: Gründungsmitglied (gemeinsam mit Friedrich Cerha) und musikalische Leitung
1962–1968 Niederösterreichisches Tonkünstler-Orchester, St. Pölten: Hornist
1968–1973 Ensemble "MOB art & tone ART", Wien: Gründer (gemeinsam mit HK Gruber, Otto M. Zykan) und Mitglied - Tournee mit eigenen Werken u.a.
1968–1989 Wiener Symphoniker: Hornist

Aufträge (Auswahl)

1962 Internationale Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt (Deutschland): Liebesträume
1963 SWR – Südwestrundfunk (Deutschland): ... für Audifax & Abachum
1967 EXPO Montreal (Kanada) - ORF – Österreichischer Rundfunk: Österreichisches Quodlibet
1971 ORF – Österreichischer Rundfunk: Symphonie im Mob-Stil
1974 Kunsthalle Hamburg (Deutschland): Skizzen & Entwürfe
1976 Oper Köln (Deutschland): Walzerträume - Strauß & Strauß ... als das Tanzen noch geholfen hat.
1977 Steirischer Herbst: Romanzen in Schwarztinten-Ton & der geblümten Paradies-Weis
1978 Wiener Festwochen: Epilog zu "Rosamunde"
1978 Salzburger Festspiele: Tag- & Nachtweisen
1981 Die Staatstheater Stuttgart (Deutschland): Das Märchen von Fanferlieschen Schönefüßchen
1980 Wiener Symphoniker: Irdische Klänge
1996 Landestheater Linz: Die Welt der Mongolen
2000 Wiener Symphoniker: anlässlich des 100. Geburtstags des Orchesters
2004 sirene Operntheater: Der Schlaf der Gerechten
2007 Mozarteumorchester Salzburg: Herr K. entdeckt Amerika
2007
Philharmonie Essen, Niederösterreichisches Tonkünstler-Orchester: Divertimento Macchiato
2007 Österreichischer Rundfunk (ORF) – Ö1: Ö1 Gstanzln

Aufführungen (Auswahl)

1963 Museum des 20. Jahrhunderts (20er Haus) Wien Liebesträume - für sieben Spieler
1963 Musica Viva Prag Maly Sal Domu Umdon Salotto Romano - für zwölf tiefe Instrumente (2. Fassung)
1967 Montreal Weltausstellung Österreichisches Quodlibet - für Kammerensemble
1974 Hamburg Pro Arte Quartett Skizzen & Entwürfe - für Streichquartett
1975 Luzern Stadttheater Luzern Der lange Weg zur großen Mauer - Oper in zwei Akten nach einem Libretto von Richard Bletschacher
1978 Detroit - USA Detroit Symphony Orchestra Epilog zu "Rosamunde" - für Orchester
1979 Berliner Festspiele Berlin Komponistenportrait ("Keine Wiener Schule", mit HK Gruber u.a.) Aufführung u.a. von Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter - Bühnenmusik zu Fritz von Herzmanovsky-Orlandos parodistischem Spiel in einem Akt
1980 Wiener Symphoniker Musikverein Wien im Rahmen von "wien modern" Irdische Klänge - Symphonie in zwei Sätzen für großes Orchester
1983 Die Staatstheater Stuttgart Stuttgart Das Märchen von Fanferlieschen Schönefüßchen - Oper in zehn Szenen
1983 TV-Portraitfilm
1985 Wiener Konzerthausgesellschaft Geburtstagskonzert
1986 Toronto Canadian Piano Trio Bagatellen - für Klaviertrio in stark wechselnder Laune
1990 ÖNB - Österreichische Nationalbibliothek Porträtkonzert anläßlich einer Ausstellungseröffnung in der Musiksammlung zur Person Kurt Schwertsik, Aufführung mehrerer Werke u.a. Da Uhu schaud me so draurech au ... - Sieben Wienerlieder nach Gedichten von H. C. Artmann
1993 London Sinfonietta Queen Elizabeth Hall - Southbank Centre London shâl-i-mâr - Sieben Lieder nach Gedichten von H. C. Artmann
1996 Philharmonia Gaudi, Mexiko: Draculas Haus- & Hofmusik - Eine transsylvanische Symphonie
1998 Orquesta Cuidad de Granada, Auditorio Manuel de Falla, Granada Roald Dahl's Goldilocks - für Erzähler und Orchester
2000 ORF Radio Symphonieorchester Wien USA-Tournee, Aufführungen in Boston, Miami u.a. Sinfonia - Sinfonietta - Fünf Sätze für Orchester
2002 University of Wales, Arts Hall Blechpartie im neuesten Geschmack - für fünf Blechbläser
2003 Oper Bonn Frida Kahlo - Musik für Tanztheater
2005 Amsterdam Netherlands Chamber Orchestra, Concertgebouw Schrumpf-Symphonie - für Orchester
2005 Manchester - Großbritannien Royal Northern College of Music Twilight Music - Eine keltische Serenade für Oktett
 

1994 Kronos Quartet, Merkin Hall New York (USA): Wake - A little string quartet for David Huntley (UA)
1999 Camerata Salzburg, Sir Roger Norrington (dir), Mozarteum Salzburg: Schrumpf-Symphonie (UA)
2000 Wolfgang Holzmair (b), die reihe, Kurt Schwertsik, Attergau: Die Welt eine Laute (UA)
2002 Douglas Wright (pos), Minnesota Orchestra, Jun Markl (dir), Orchestra Hall Minneapolis (USA): Gemischte Gefühle (UA)
2003
Wuppertaler Bühnen, Opernhaus Wuppertal (Deutschland): Katzelmacher (UA)
2003 Per Arne Glorvigen (Bandoneon), Alban Berg Quartett, Ludwigshafen (Deutschland): Adieu Satie (UA)
2004 Christa Schwertsik (s), Wolfgang Holzmair (b), Wiener Symphoniker, Chor der Universitätskirche, Universitätskirche Wien: Fioretti per San Francesco (UA)
2004 Tiroler Ensemble für Neue Musik – TENM, Dorian Keilhack (dir) - sirene Operntheater, Tiroler Landestheater: Der Schlaf der Gerechten (UA)
2005 Theater Bonn (Deutschland): Hans Christian Andersen (UA)
2005 Koehne Quartett, Technisches Museum Wien: Ein Namenloses Streichquartett (UA)
2005 Wiener Philharmoniker, Hans Peter Ochsenhofer (dir), Akademie der bildenden Künste Wien: Compagnie Masquerade (UA)
2006 
ÖGZM-OrchesterWerner Hackl (dir), Wiener Konzerthaus: Mozart, auf und davon (UA)
2007 Peking (China): Wake - A little string quartet for David Huntley
2007 Christa Schwertsik (s), Mitglieder des ORF Radio Symphonieorchester Wien - Österreichischer Rundfunk (ORF) – Ö1, Radiokulturhaus Wien: Ö1 Gstanzln (UA)
2008 Håkan Hardenberger (tr), Niederösterreichisches Tonkünstler-Orchester, Kristjan Järvi (dir), Musikverein Wien: Divertimento Macchiato
2008 Mozarteumorchester Salzburg, Landesjugendorchester Salzburg, Micha Hamel (dir), Großes Festspielhaus Salzburg: Herr K. entdeckt Amerika (UA)
2009 Bruckner Orchester Linz, Davies Dennis Russell (dir), Landestheater Linz: Kafka Amerika (UA)
2009 Georg Nigl (b), die reihe, HK Gruber (dir), Wiener Konzerthaus: Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan (UA)
2010 BBC Philharmonic Orchestra, Gianandrea Noseda (dir), Manchester (Großbritannien): Nachtmusiken (UA)
2010 London (Großbritannien): Fantasia & Fuga (UA)
2011 Nationaltheater Mannheim (Deutschland): Eisberg nach Sizilien (UA)
2011 PHACE | CONTEMPORARY MUSICFrançois-Pierre Descamps (dir) - sirene Operntheater, Ankerbrotfabrik Wien: Chalifa und die Affen (UA)
2012 Henry Cormac (fl), RLPO – Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Vasily Petrenko (dir), Liverpool Philharmonic Hall (Großbritannien): Atmen, du unsichtbares Gedicht! (UA)
2012 Christa Schwertsik (s), Altenburg Trio - Musikfest Schloss Weinzierl: Traumstörung (UA)
2013 Niederösterreichisches Tonkünstler-Orchester, Andrés Orozco-Estrada (dir), Festspielhaus St. Pölten: Musik: Leicht Flüchtig (UA)
2013 Ernst Kovacic (vl), Mathilde Hoursiangou (pf), Wiener Konzerthaus: Choses Vues dans les Jardins Suspendus (UA)
2014 Mannheimer Mozart Sommer, Nationaltheater Mannheim (Deutschland): Mozart in Moskau (UA)
2015 London (Großbritannien): Unterwegs nach Heiligenstadt (UA)
2015 
Boston Guitar Festival, Jordan Hall Boston (USA): Conversation piece (UA)
2016 Cheltenham Pittville Pump Room (Großbritannien): Eine Windrose für Mauricio (UA)
2018
Bläserensemble des Niederösterreichischen Tonkünstlerorchesters, Krems: Fanfare for an uncommon man (UA)
2020 Altenberg Trio, Musikverein Wien: Sonatine 2020 (UA)

Pressestimmen

01. September 2011
"Kurt Schwertsik verfolgt ja schon lange seinen ihm sehr eigenen Weg und hat es darin zur Meisterschaft gebracht. So ist Chalifa und die Affen handwerklich sehr wirkungsvoll, differenziert und transparent instrumentiert und komponiert und wurde vom Orchester dementsprechend auch so gestaltet. Man wird musikalisch wie szenisch "abgeholt" und in das Stück geführt [...] Schwertsik stößt immer wieder einen größeren Opern-Ton an, was dem kurzen Stück überraschend gut liegt. Es wächst dadurch atmosphärisch und dramaturgisch an, ohne lange Zeitspannen in Anspruch zu nehmen. Es verweist vielmehr auf andere Dimensionen, ohne sie auszuspielen. [...] Auch zeigt sich Schwertsik sehr humorvoll im musikalisch gestalterischen Umgang mit dem Libretto. Dieses ist auch dramaturgisch hier sehr stimmig und wirkt wie ein Idealfall."
terz (Andreas Karl)

04. Februar 2010
"Beim Mahler-Festival der BBC knüpfte Kurt Schwertsik eindrucksvoll an die Tradition an [...] Wenn im Laufe des Festivals sämtliche Mahler-Symphonien zur Aufführung kommen, dann finden im Vorfeld jeweils auch Weltpremieren von eigens für diesen Anlass komponierten Stücken statt. Das Ius primae noctis gestand man Kurt Schwertsik zu, der mit artiger Verbeugung am Ende seiner Nachtmusiken op.104 die Schlusstakte des Stirnsatzes von Mahlers Erstling zitierte. Im Übrigen hält sich Schwertsik weniger an den Jahresregenten als an Vorbilder wie Dmitri Schostakowitsch oder Leos Janácek. Letzteren holt er sogar in die Satzbezeichnungen seiner Novität herein: "Janácek ist mir im Traum erschienen", heißt es zu Beginn, und tatsächlich spuken die flammenden, zuckenden Bewegungen, die so charakteristisch für das aus Sprachfetzen und Rufen gebildete Motivvokabular des mährischen Meisters sind. Doch formen die Grüße aus vergangenen Zeiten bald einen harmonischen Klangstrom, aus dem sich weit gezogene melodische Linien herausheben, die wieder ganz Schwertsik sind. Kein Komponist seiner Generation hat sich so mutig den Ecken und Kanten des Zeitgeists widersetzt, um wieder geschmeidige Kantilenen in ungeschminkter Dur- und Moll-Kostümierung zuzulassen. So wirken denn die harschen Paukentöne, die schon wieder aus Jenufa stammen könnten, am Ende dieses Satzes wie ein Gruß Janáceks an den späteren Kollegen. Der schreibt in der Folge auch einen sanft wiegenden Walzer, in dem hinter sanft schimmernden Streicherakkorden lang Vergessenes im Dreivierteltakt zu ahnen ist: Als wolle einer persönliche Bilder aus der Erinnerung holen, um sie als Protokolle seiner Befindlichkeit vor uns auszubreiten - in diesem Sinne ist Schwertsik ganz nah bei Mahler und dessen Kunstverständnis; und es sind ein paar zackige Geschwindmarschschritte (in der vierten ‘Nachtmusik’), die uns zu Schostakowitsch führen, der Nämliches in russischer Verbrämung wagte. Bevor Mahler dann selbst zu Wort kommt, huldigt Meister Schwertsik noch dem gediegenen Musikhandwerk und beweist: Selbst im 21. Jahrhundert hat die Fugenform keineswegs ausgedient, wenn einer sich auf rechten Kontrapunkt versteht. [...]."
Die Presse (Wilhelm Sinkovic)

30. Oktober 2008
"Die Nagelprobe für ein neues klassisches Orchesterwerk ist sicherlich dann geglückt, wenn ein solches Stück vor mehr als tausend Jugendlichen bestehen kann. Das war am Donnerstagvormittag im Großen Festspielhaus der Fall. Dort musste sich Kurt Schwertsiks rund 15-minütige Sonatine Herr K. entdeckt Amerika bewähren, die als erstes Auftragswerk des Mozarteum Orchesters für das Projekt "2 ORCHESTRAS" gemeinsam mit dem Salzburger Landesjugendorchester uraufgeführt wurde. Auch wenn der Wiener Komponist eine eingängige Klangsprache beherrscht, mit delikaten Aufgaben für die Instrumentalisten, klassisch in der viersätzigen Form, ist das ja nicht unbedingt die Sprache "jugendlicher" Musikkultur. Dennoch schienen die überschaubare Klarheit und Fasslichkeit und die beinahe romantische Empfindung dieser Musik für erstaunliches Interesse zu sorgen. Das "verdoppelte" Orchester spielte unter Micha Hamels sachlich-engagierter Leitung klangschön, sicher, souverän. Ein doppelter Erfolg: auf dem Podium und im Auditorium."
Salzburger Nachrichten (Karl Harb)

2. Juni 2004
"Ein Chorwerk [Anm: Fioretti per San Francesco] solchen Zuschnitts ist gewiß lange nicht geschrieben worden, beeindruckend auch für den unvorbereiteten Hörer, doch so raffiniert komponiert, dass es zu Bachs Zeiten wohl 'auch denen Kenner zur Ergötzung' empfohlen worden wäre. Kurt Schwertsiks Kunst beschert uns von Uraufführung zu Uraufführung Beweise für die These, daß auch in unseren Tagen gehaltvolle Musik geschrieben werden kann, ohne daß die Hörer zuvor einen Kurs besuchen müssen, um die Klänge, enträtseln zu können."
Die Presse (Wilhelm Sinkovicz)

5. Juni 2003
"Schwertsiks Phantasie schweift weit aus, erzählt von spanischen Städten, von kribbelnder Tanzmusik, händeklatschender Perkussivität und einem enormen Schuss südländischer Lebensfreude, ohne dies in ein touristisch gefärbtes Ambiente erkundungswütiger Massenreisender einzubetten. Vielmehr bleibt er seinem Stil einer traditionsverbundenen Symphonik treu, die mit viel schon einmal Gehörtem durchzogen ist, aber immer wieder neu erfunden wirkt und die es mit Leichtigkeit schafft, restlos zu begeistern."
Oberösterreichische Nachrichten (Michael Wruss)

2003
"Schwertsik gelang eine Oper, die inhaltlichem Anspruch gerecht wird, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, die Suggestivkraft entfaltet und dabei spannend unterhält [...] Er schrieb eine ungemein lebhafte, vielschichtige und humorvolle Musik, die den Ablauf des Geschehens prägnant stützt und zugleich Doppelbödigkeit schafft."
Österreichische Musikzeitschrift (Egbert Hiller)

1993
"Schwertsiks Musik zitiert geistreich und witzig alle möglichen Stilrichtungen [...]."
Österreichische Musikzeitschrift (Christa Höller)

Diskografie (Auswahl)

Als Komponist
2011 Kurt Schwertsik: Baumgesänge (Tree Songs)/Nachtmusiken - BBC Philharmonic Orchestra, HK Gruber (Chandos)
2004 Kurt Schwertsik: Irdische Klänge / Earthly Sounds - Adelaide Symphony Orchestra, David Procelijn (ABC Classics)
1997
Gastmahl Der Liebe (Volksbühne Recordings)
1997 Kurt Schwertsik: House & Court Music - Vienna Radio Symphony Orchestra, HK Gruber (Largo)
1986 Österreichische Musik der Gegenwart: Kurt Schwertsik (LP; Amadeo)
1975 Kurt Schwertsik
: Manchmal Vertrödelt Christa S. Den Tag (LP; Musikalische Jugend Österreichs)
1974
Kurt Schwertsik's Lichte Momente Oder Feuerwassererdekugelluft (LP; BASF)

Tonträger mit seinen Werken
2012 Håkan Hardenberger Plays Gruber & Schwertsik ‎- Swedish Chamber Orchestra, HK Gruber (BIS) // Track 7-12: Divertimento Macchiato
2007 Werner Pirchner, Herbert Willi, Wolfram Wagner, Kurt Schwertsik: Mozart Reflexionen (Gramola) // Track 5-13: Compagnie Mascerade
2004 Berio, Henze, Reimann, Schwertsik, Zender: Schubert Epilog - Bamberger Symphoniker, Jonathan Nott (Tudor) // Track 10: Epilog Zu "Rosamunde" op. 33
1997 30 Jahre Musikprotokoll: Moderne in Österreich 1968–1997. (ORF) // CD 2, Track 2: Romanzen im Schwarztintenton & Der geblümten Paradies-Weis, op. 31
1997 Neue Musik aus Österreich 1 - Radiosymphonieorchester Wien (ORF) // Track 5-8: Tag- und Nachtweisen
1994 Fanfare for A New Theatre - Vienna Brass (Extraplatte) // Track 13: Keulenwicht
1993 Violoncellomusik des 20. Jahrhunderts - Adalbert Skocic, Walter Delahunt (Lotus Records) // Track 2: Nocturnes für Klavier, op. 10b
1977 Musikprotokoll 77, Steirischer Herbst: Roman Haubenstock-Ramati / Giuseppe Sinopoli / Kurt Schwertsik ‎(LP; ORF) // Seite B: Romanzen Im Schwarztinten-Ton & Der Geblümten Paradies-Weis, op. 31

Literatur

mica-Archiv: Kurt Schwertsik
mica-Archiv: die reihe
1978 Heinzelmann, Josef: The Viennese MOB art & tone ART group. In: Tempo - A quarterly review of modern music 9/1978, Nr. 126, S. 10-12.
1989 Brunner, Inge Ute / Szmolyan, Walter: Das Porträt. Österreichische Komponisten der Gegenwart in Wort und Bild. St. Pölten: Niederösterreichisches Pressehaus, S. 54f.
1990 Spangemacher, Friedrich (Hrsg.): Kurt Schwertsik. Edition Musik der Zeit: Dokumentationen und Studien, Band 8. Bonn: Boosey & Hawkes.
1990 Cerha, Gertraud: Neue Musik aus Wien. In: ÖMZ 45 (1990), Heft 10, S. 539–560.
1991 Bilek, Robert: Grenzenlos. Über Nomaden, Kosmopoliten und musikalische Wechselwähler. In: ÖMZ 46 (1991), Heft 11, S. 600–605.
1992 Heister, Hanns-Werner / Sparrer Walter-Wolfgang (Hrsg.): Komponisten der Gegenwart. München: Edition text+kritik.
1992 Köhlmeier, Michael: Schwertsik - oder die Liebe zum Absurden. Ein Dialog - und eine Rückkehr - oder etwas mehr? In: In: Verein Wien modern: Wien modern, 24. Oktober bis 27. November 1992, ein internationales Festival mit Musik des 20. Jahrhunderts [Almanach], S. 41–46.
1995 Krones, Hartmut: Die Zweite Republik. Kompositionsgeschichte. In: Gruber, Gernot / Flotzinger, Rudolf (Hrsg.): Musikgeschichte Österreichs, Band 3. Wien: Böhlau, S. 357–379.
1997 Schwertsik Kurt. In: Günther, Bernhard (Hrsg.): Lexikon zeitgenössischer Musik - Komponisten und Komponistinnen des 20. Jahrhunderts. Wien: music informarion center austria, S. 991–997.
2006 Schwertsik Kurt. In: Finscher, Ludwig (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Allgemeine Enzyklopädie der Musik - Personenteil 15 "Schoo-Stran". Stuttgart: Bärenreiter-Verlag, S. 443–446.
2009 mica: 50 Jahre Ensemble die reihe - Podiumsdiskussion bei den "Wiener Vorlesungen". In: mica-Musikmagazin.
2009 mica: Vortrag Gertraud Cerha und Podiumsdiskussion “die reihe” im Rahmen der Wiener Vorlesungen - Eine Nachlese. In: mica-Musikmagazin.
2009 Rögl, Heinz: Konzerthaus: “50 Jahre Ensemble die reihe” unter der Leitung Friedrich Cerhas. In: mica-Musikmagazin.
2010 Heindl, Christian: Von "Liebesträumen" zu "Nachtmusiken". In: mica-Musikmagazin.
2010 Rögl, Heinz: Alles Gute zum 75. Geburtstag, lieber Kurt Schwertsik!. In: mica-Musikmagazin.
2015 Heindl, Christian: Auf seine Art ein Avantgardist - KURT SCHWERTSIK im mica-Porträt. In: mica-Musikmagazin.
2020 Diederichs,Joachim (Hrsg.): Schwertsik, Kurt - "Was und wie lernt man?". Komponisten unserer Zeit, Band 32, Musikzeit-Edition. Wien: Verlag Lafite.

Publikationen des Künstlers
1975 Schwertsik, Kurt: Komponieren für die Jugend? In: ÖMZ  30 (1975), Heft 1, S. 20–41.
1980 Schwertsik, Kurt: Musiktheater - selbst gebastelt. In: ÖMZ  35 (1980), Heft 6, S. 295f.
1980 Schwertsik, Kurt: The Composer between Man and Music. In: Interface - Journal of New Music Research, 9 (1980), S. 231–234.
1983 Schwertsik, Kurt: Überlegungen, meine symphonische Arbeit betreffend. In: Harten, Uwe / Anton-Bruckner-Institut Linz (Hrsg.): Die österreichische Symphonie nach Anton Bruckner, Bruckner-Symposion: 12.-14. September 1981, Bericht. Graz: Akademische Verlagsanstalt, S. 63–66.
1993 Schwertsik, Kurt: Histologischer Befund der Musikhistologie. In: Ganter, Claus, Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien (Hrsg.): Harmonik im 20. Jahrhundert. Wien: WUV-Universitätsverlag, S. 157–164.
1996 Schwertsik, Kurt: Einführungen zu den Werken: "... in keltischer Manier", "Musik vom Mutterland Mu" (1971/1972), "Twilight Music" (1976). In: Verein Wien modern: Wien modern, 19. Oktober bis 30. November 1996, ein internationales Festival mit Musik des 20. Jahrhunderts [Almanach], S. 114f.

Quellen/Links

ÖKB: Kurt Schwertsik
Wikipedia: Kurt Schwertsik
Archiv der Zeitgenossen: Kurt Schwertsik
Boosey&Hawkes: Kurt Schwertsik
Österreichische Mediathek: Interview mit Kurt Schwertsik (1991)

Empfohlene Zitierweise
mica (Aktualisierungsdatum: 3. 7. 2020): Biografie Kurt Schwertsik. In: Musikdatenbank von mica – music austria. Online abrufbar unter: https://db.musicaustria.at/node/64558 (Abrufdatum: 6. 7. 2020).

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